Johannes

C. G. Jungs “Antwort auf Hiob” und das “Johannes Evangelium” – Draft


Viele Kritiker meinen, dass das Johannes Evangelium ein gnostisches Evangelium ist und gnostische Sprache und Begriffe verwendet. Besonders angetan sind Gnostiker „von dem Markenzeichen “Logos” in der Einleitung des Johannes Evangeliums, welches C.G. Jung, in seinem Buch “Antwort auf Hiob”, ja auch sofort als “Nous” oder Sophie interpretiert. Er beschreibt Sophie (Weisheit) als die Gemahlin von Jahwe,  eine gute “Co-Autorin” dieses Demiurgen, dem Schöpfer der materiellen Welt.  Nach C.G. Jung versagt, der Demiurg (bei den Gnostikern ein ignoranter Halbschöpfer), als Gott bei Hiob und ist als Schöpfer unserer materiellen Welt der „Urheber der Übel” ,  der seine Sache mit den Menschen schlecht gemacht hat unter tatkräftiger und zugelassener Obstruktion des Satans.  Eine Lösung ist ein neuer Ansatz, ein neuer Sohn. Dieser Christus soll wie Adam, leidensfähig und sterblich, andererseits “nicht bloßes Abbild, sondern Gott selber sein, als Sohn den Vater verjüngend.”  Als Sohn Marias, die wie leicht ersichtlich, ein Abbild Sophies ist, ist Jesus Logos (synonym mit “Nous” ein Begriff von Aristoteles) als solcher auch Werkmeister der Schöpfung.

Philo (20 BC – 50 BC), ein hellenisierter Jude aus Alexandrien, verwendete den Ausdruck “Logos, um ein unvollkommenes göttliches Sein (Demiurge) zu bezeichnen. Er folgte der platonischen Unterscheidung zwischen unvollständiger und vollkommene Idee – Demiurge (Halbschöpfer) kommt aus den platonischen und neoplatonischen Schulen. Das Johannes Evangelium identifiziert “Logo”  dagegen direkt mit Jesus. Für Christen ist Johannes Evangelium 1,1 somit ein zentraler Text, welcher die Dreieinigkeit erklärt und das Vater, Jesus, und der Heiliger Geist gleichgestellt und Eins sind.

Dieser erste Vers im Johannes Evangelium  reflektiert die “Schöpungsgeschichte” und ist eine der sprachlich schönsten und mächtigsten Stellen der Bibel:

Am Anfang war der Logos das Wort, und das Wort
war Gott, und Gott war das Wort.
Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ist durch dies geworden und es ward auch
nicht eines von dem, was geworden.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht
der Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis,
doch die Finsternis hat es nicht ergriffen.

  •  „Im Anfang war das Wort“: Die Person, von der hier geschrieben wird – Jesus Christus, der Sohn Gottes – ist als solche ewig. Denn in jedem Anfang, den man sich (aus)denken könnte, war Er schon. Und Er wird das „Wort“ genannt. Das heißt, Er ist der vollkommene und vollständige Ausdruck Gottes. Er ist es immer schon gewesen.
  •  „Und das Wort war bei Gott“: Dieses Wort wird unterschieden von Gott. Es war eine Person, die bei Gott war. Wenn jemand bei einer anderen Person ist, dann kann er unmöglich diese Person sein. Er muss eine eigene Identität haben. So wird das Wort – der Sohn Gottes – von Gott unterschieden.
  • „Und das Wort war Gott“: Wenn auch das Wort von Gott unterschieden wird, so ist es zugleich dennoch Gott. Es ist wesensgleich mit Gott, weil es Gott ist.
  • „Dieses war im Anfang bei Gott“: Die Person, die das Wort ist – also der Sohn – war in dieser Beziehung schon immer – im Anfang – bei Gott und Gott. Er wurde nicht erst Gott, Er kam nicht erst in die Beziehung Vater-Sohn, als Er auf diese Erde kam. Nein, vor Grundlegung der Welt, schon immer, war das Wort der Sohn.
  • ” …und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut”: Das Johannes-Evangelium schildert das Leben Jesu also von der Ewigkeit her.

Und damit ist nur eine Besonderheit dieses einzigartigen Evangeliums genannt, das im Quartett der Evangelien eine Sonderstellung einnimmt.  Folgende grobe Gliederung erscheint möglich:

  1. Einleitung: Kapitel 1,1-18
  2. Der öffentliche Dienst des Sohnes Gottes: Kapitel 1,19-12,50
  3. Der Dienst und die Worte des Sohnes für die Familie Gottes: Kapitel 13,1-17,26
  4. Tod und Auferstehung: Kapitel 18,1-20,31
  5. Prophetischer Ausklang: Kapitel 21

Nach Ansicht mancher ist das Johannes Evangelium im ersten Viertel des zweiten Jahrhunderts entstanden. Der Verfasser ist laut Evangelium der Apostel Johannes, Jesu Lieblingsjünger. Historisch ist dies umstritten, kirchliche Lehre gibt daher eher Ende des ersten Jahrhunderts an. Sicher ist: Der Autor hat sich viel stärker als die anderen drei Evangelisten mit einer Lehre auseinandergesetzt, die das junge Christentum schließlich entschlossen als Irrlehre bekämpfte: die so genannte Gnosis (griechisch: Erkenntnis).

In gnostischer Sicht war der Kosmos ein dualistisches Weltbild, gespalten in ein Reich des Materiellen und eine himmlische Lichtwelt. Die Seele des Menschen war ein Splitter des Lichts, der auf der Erde gefangen ist im Leib des Menschen. Erkenntnis – Gnosis – war der Weg zur Erlösung, die Erinnerung an die eigene Herkunft aus dem Licht. Die materielle Welt war nach dieser Lehre  erfüllt von „Einsamkeit“, von „furchtbarer Angst“ vor dämonischen Mächten.  Alle Lebensvollzüge erscheinen als „vergiftet, dämonisch infiziert“. Wie im Buddhismus besteht die Welt aus Leiden. Sogar der Gott der Gnosis, wenn man den Dimurgen so nennen will, war lebens- und weltfeindlich, unfähig zu lieben und zu leiden, vor allem: uneins mit seiner Schöpfung. Der wahre Gott ist im Hintergrund ist radikal Nicht-Welt.

Jesu Weltoffenheit dagelegen, die Offenheit, mit der er auf Geächtete, auf Sünderinnen, auf vermeintlich Unreine, auf schuldig Gesprochene zugeht, diese Furchtlosigkeit, mit der er sich der Welt öffnet – all das war eine radikal gute Botschaft. Sprache wird für Johannes zu einem mystischen Tor zwischen der Welt Gottes und der des Menschen. Das ist nicht nur theologische Theorie – dieser Ansatz formt die Sprache bei Johannes in einzigartiger Weise.  „Im Wort war das Leben, und das Leben war das Licht des Menschen.“ Johannes setzt der Mystik von Bildern eine Mystik des Wortes gegenüber, und zwar des schöpferischen, göttlichen Wortes, das die Schöpfung trägt.

Sprache entfaltet sich bei Johannes allegorisch: Ein Wort bezeichnet ein Ding und etwas anderes; die Materie glänzt auf einmal vor Sinn und Vieldeutigkeit. Da sind etwa die vielen „ICH bin“-Worte Jesu – Worte voll theologischer Kraft: Ich bin die Wahrheit, die Auferstehung und das Leben, ich bin der gute Hirte, „ich bin die Tür, wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden“.  Gott hatte sich Moses gegenüber als der „Ich bin, der ich bin“ offenbart (2. Mo 3, 13-15).  Johannes greift diesen Namen Gottes ganz besonders wieder auf und es ist Jesus selbst, der diesen Namen für sich in Anspruch nimmt und damit eigene Herrlichkeiten verbindet. Sieben verschiedene spezielle Herrlichkeiten seiner Person fügt Jesus dem betonten „ICH bin“ hinzu. Der messianische Anspruch wird in solchen Worten mit einer unerhörten Vollmacht beansprucht und zugleich in einer poetischen Dichte, die einzigartig ist im Neuen Testament.

“Ich bin das Brot des Lebens”, sagt er beim Stichwort Essen. Als seine Jünger ihn einmal suchten, fanden und dann fragten: „Rabbi, wann bist du hergekommen?“, da antwortet er auf die banale Frage mit einer Meditation über das Suchen, die in einer Selbstoffenbarung gipfelt: „Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“

In solchen Passagen wird immer wieder deutlich: Die ganze Welt, das Leben, jedes Detail und jeder Lebensvollzug ist so etwas wie eine Metapher für Höheres. Die Außenseite der Welt spiegelt den Himmel wieder; man muss nur hinsehen oder eben hinhören, denn all das ist ja verborgen in der Sprache, im Wort, das für Johannes göttlichen Ursprungs ist und dessen Abglanz jedes Menschenwort mit Geist erfüllt.

Bei Johannes ist eine einschließende Sinnfülle zu spüren. Erlösung und Gotteserkenntnis sind keine Geheimwissenschaft für Eingeweihte, sondern liegen offen und klar zu Tage. Die Welt ist ein Zeichen, das von Gott kommt und auf ihn zurückweist. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft.

Johannes, „der Jünger, den Jesus liebte“,  beschrieb hauptsächlich die göttliche Seite: Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in Seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben (3,35-36). In den Abschiedsreden Jesu findet sich echter Trost: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden (16,33).

Die letzten Worte im Johannes-Evangelium künden von diesem Glauben an die Fülle und die Nähe Gottes: „Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“

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