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  • Das fünfte Evangelium von Thomas

    Das fünfte Evangelium, wurde vom Jünger Thomas verfasste.  Das „Thomas-Evangelium“ beinhaltet 114 Verse und scheint überwiegend Regeln für das Leben im Allgemeinen zu beinhalten. Es wird eine Parallele gezogen, von einigen Deutern des Evangeliums, dass die Bergpredigt auf der einen Seite Regeln für das „äußere“ Leben berge, während das „Thomas-Evangelium“ diese für das „innere“ Leben darstelle. Der Ausspruch „Ungläubiger Thomas“ kommt schon aus dieser Zeit und reicht bis in unsere Gegenwart. Er war ein Galiläer mit dem Namen Didymos Thomas, wobei dieser seltsame Name vor Thomas aus dem Griechischen kommt und „Zwilling“ bedeutet, und einer der zwölf Jünger Jesus war. 

    Das Thomasevangelium zeigt gnostische Anklänge aber zeigt  die Welt als Schöpfung des Vaters  (d. h. es steht kein oberster Gott dem Schöpfergott gegenüber), widerspricht so der Gnosis.  Die gemeinsam mit dem Thomasevangelium in Nag Hammadi gefundenen Texte sind allerdings überwiegend gnostisch.
    Das Thomasevangelium wurde von den Manichäern benutzt, einer sich ab ca. 250 ausbreitenden Religion mit gnostischen Neigungen. Aber auch das Johannesevangelium wurde von Gnostikern benutzt, ohne von der Kirche als gnostisch bezeichnet zu werden (Obwohl das Johannesevangelium wie das Markussevangelium nach Meinung mancher, durchaus ebenfalls gnostische Anklänge zeigt).
    Es ist unrichtig, dass die katholische Kirche das Evangelium des Thomas unterdrückt oder nicht zulässt.  Es wird nur nicht erwähnt. Ich habe erst vor kurzem in einer Bibellesung von einem sehr offen´eingestellten Mönch davon erfahren.  Natürlich gab es in den ersten Jahrhunderten der noch jungen Christengemeinden nicht “die” katholische Kirche (im Gegensatz zu anderen christlichen Kirchen), wie wir sie heute erleben sondern unzähliche Abspaltung und Varianten.  Es war vielmehr so, dass die maßgeblichen Kirchenväter der ersten Jahrhunderte sich auf Konzilien immer wieder zusammensetzten und beratschlagten: Was ist die authentische und wahre Lehre Jesu Christi? Viele Quellen, die eine gewisse regionale Bedeutung erlangten, setzten sich bei diesem langwierigen Prozess der Kanonisierung der Heiligen Schriften nicht durch. Sie waren nicht mehrheitsfähig – aus welchen Gründen im Einzelnen auch immer. Der gesamte Kanonisierungsprozess der Heiligen Schrift, das also, was wir heute mit “der Bibel” bezeichnen, dauerte immerhin bis zur Zeit der Reformation – also annähernd 1400 Jahre.

    Moderne wissenschaftliche Exegeten haben inzwischen hinlänglich bewiesen (siehe Lexikon für Theologie und Kirche, Herder zum Thema) dass das sog. Thomas Evangelium zum größten Teil keine “Erstquelle” ist, sondern in innerer Abhängigkeit zu bereits vorhandenen, früher entstandenen Evangelien steht.

    Der Prozess der Kanonisierung indes war wichtig und eine Überlebensfrage für die Christen insgesamt. Damals war ein geschriebenes Buch nicht nur eine Seltenheit an sich, sondern immer auch Ausdruck und “Testament” einer einzelnen gelehrten Persönlichkeit seiner Zeit. Dennoch mussten sich die Christen immer wieder gegen abweichende oder unklare Schriften und Meinungen wehren – was sich in zahlreichen Konzilsdokumenten widerspiegelt. Das galt auch für das so genannte Thomas Evangelium, welches besser “die Thomas-Sammlung von Jesus Worten” genannt werden sollte:

    Dies sind die geheimen Worte, die Jesus der Lebende sprach und die Didymus Judas Thomas aufgeschrieben hat.

    (1) Und er sprach: Wer die Interpretation dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.

    (2) Jesus sprach: Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und wenn er findet, wird er erschrocken sein; und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein, und er wird König sein über das All.

    (3) Jesus sprach: Wenn die, die euch (auf Abwege) führen, euch sagen: Seht, das Königreich ist im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann werdet ihr in der Armut sein, und ihr seid die Armut.

    (4) Jesus sprach: Der alte Mensch wird nicht zögern in seinem Alter, ein kleines Kind von sieben Tagen zu befragen über den Ort des Lebens, und er wird leben; denn viele Erste werden die Letzten werden, und sie werden ein einziger werden.

    (5) Jesus sprach: Erkenne das, was vor dir ist, und das, was vor dir verborgen ist, wird dir enthüllt werden; denn es gibt nichts Verborgenes, was nicht offenbar werden wird.

    (6) Seine Jünger fragten ihn und sagten zu ihm: Willst du, dass wir fasten? Und wie sollen wir beten und Almosen geben? Und von welchen Speisen sollen wir uns fernhalten? Jesus sprach: Lügt nicht und, was ihr hasst, das tut nicht; denn alles ist offenbar im Angesicht des Himmels; denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden wird, und es gibt nichts Verborgenes, das bleibt, ohne offenbar zu werden.

    (7) Jesus sprach: Selig ist der Löwe, den der Mensch isst, und der Löwe wird Mensch werden; und verflucht sei der Mensch, den der Löwe frisst, und der Löwe wird Mensch werden.

    (8) Und er sprach: Der Mensch gleicht einem weisen Fischer, der sein Netz ins Meer warf; er zog es aus dem Meer voll von kleinen Fischen; unter ihnen fand er einen großen, schönen Fisch, der weise Fischer. Er warf alle kleinen Fische ins Meer und wählte den großen Fisch ohne Anstrengung. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!

    (9) Jesus sprach: Siehe, da ging ein Sämann hinaus, füllte seine Hand und warf (die Samen). Ein Teil davon fiel auf den Weg, die Vögel kamen, sie aufzusammeln. Andere fielen auf den Felsen, und sie schlugen keine Wurzeln in der Erde und brachten keine ähren hervor zum Himmel. Und andere fielen auf die Dornen; sie erstickten die Saat und der Wurm fraß sie. Und andere fielen auf die gute Erde, und sie gab eine gute Frucht zum Himmel; sie brachte sechzig Maß und hundertzwanzig Maß.

    (10) Jesus sprach: Ich habe ein Feuer auf die Welt geworfen, und seht, ich bewache es, bis es sich entzündet.

    (11) Jesus sprach: Dieser Himmel wird vergehen. Und der (Himmel), der darüber ist, wird vergehen; und die Toten sind nicht lebendig, und die Lebenden werden nicht sterben. In den Tagen, in denen ihr esst von dem, was tot ist, macht ihr daraus, was lebendig ist. Wenn ihr Licht sein werdet, was werdet ihr tun? An dem Tag, als ihr eins gewesen seid, seid ihr zwei geworden. Aber wenn ihr zwei geworden seid, was werdet ihr tun?

    (12) Die Jünger sagten zu Jesus: Wir wissen, dass du uns verlassen wirst. Wer ist es, der groß über uns werden wird (= über uns herrschen wird)? Jesus sprach zu ihnen: Wo auch immer ihr herkommt, geht zu Jakobus, dem Gerechten, für den Himmel und Erde gemacht worden sind.

    (13) Jesus sprach zu seinen Jüngern: Vergleicht mich, sagt mir, wem ich gleiche. Simon Petrus sprach zu ihm: Du gleichst einem gerechten Engel. Matthäus sprach zu ihm: Du gleichst einem weisen Philosophen. Thomas sprach zu ihm: Meister, mein Mund wird es absolut nicht zulassen, dass ich sage, wem du gleichst. Jesus sprach: Ich bin nicht dein Meister, denn du hast dich berauscht an der sprudelnden Quelle, die ich hervorströmen ließ. Und er nahm ihn und zog sich zurück und sagte ihm drei Worte. Als Thomas aber zu seinen Gefährten zurückgekehrt war, fragten sie ihn: Was hat dir Jesus gesagt? Thomas sprach zu ihnen: Wenn ich euch eines der Worte sage, die er mir gesagt hat, werdet ihr Steine nehmen und sie gegen mich werfen, und ein Feuer wird aus den Steinen hervorkommen und euch verbrennen.

    (14) Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr fastet, werdet ihr euch eine Sünde zuschreiben; und wenn ihr betet, werdet ihr verdammt werden; und wenn ihr Almosen gebt, werdet ihr Böses an eurem Geist tun.

    Wenn ihr in irgendein Land eintreten werdet und in den Gebieten wandert, wenn man euch empfängt, dann esst, was auch vorgesetzt wird; heilt die unter ihnen, die krank sind. Denn das, was in euren Mund hineingeht, wird euch nicht beflecken; aber das, was euren Mund verlässt, das ist es, was euch beflecken wird.

    (15) Jesus sprach: Wenn ihr den seht, der nicht aus der Frau geboren ist, werft euch mit dem Gesicht zur Erde und betet ihn an. Dieser ist euer Vater.

    (16) Jesus sprach: Vielleicht denken die Menschen, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Welt zu bringen. Und sie wissen nicht, dass ich gekommen bin, Uneinigkeiten auf die Erde zu bringen, Feuer, Schwert, Krieg. Denn es werden fünf in einem Haus sein: drei werden gegen zwei und zwei werden gegen drei sein, der Vater gegen den Sohn, der Sohn gegen den Vater, und sie werden als Einzelne dastehen.

    (17) Jesus sprach: Ich werde euch geben, was kein Auge gesehen und was kein Ohr gehört und was keine Hand berührt hat und was noch nie aus dem menschlichen Geist hervorgegangen ist.

    (18) Die Jünger sagten zu Jesus: Sage uns, wie unser Ende sein wird. Jesus sprach: Da ihr den Anfang entdeckt habt, warum sucht ihr das Ende? Denn da, wo der Anfang ist, wird auch das Ende sein. Selig, wer sich an den Anfang halten wird, denn er wird das Ende erkennen, und er wird den Tod nicht schmecken.

    (19) Jesus sprach: Selig der, der war, bevor er wurde. Wenn ihr meine Jünger werdet und wenn ihr auf meine Worte hört, werden euch diese Steine dienen. Denn ihr habt fünf Bäume im Paradies, die verändern sich nicht, weder im Sommer noch im Winter, und deren Blätter fallen nicht. Derjenige, der sie kennt, wird den Tod nicht schmecken.

    (20) Die Jünger sagten zu Jesus: Sage uns, was mit dem Himmelreich zu vergleichen ist. Er sprach zu ihnen: Es ist gleich einem Senfkorn, dem kleinsten unter allen Samen; aber wenn es auf beackerten Boden fällt, kommt aus ihm ein großer Zweig hervor, der ein Schutz für die Vögel des Himmels wird.

    (21) Maria sprach zu Jesus: Wem gleichen deine Jünger?

    Er sprach: Sie gleichen kleinen Kindern, die sich auf einem Feld niedergelassen haben, das ihnen nicht gehört. Wenn die Herren des Feldes kommen, werden sie sagen: Lasst uns unser Feld. Sie (die Jünger) sind ganz nackt (wehrlos) in ihrer (der Herren) Gegenwart, damit sie es ihnen lassen und ihnen ihr Feld geben.

    Darum sage ich: Wenn der Herr des Hauses weiß, dass der Dieb kommen wird, wird er wachen, bevor er kommt; und er wird ihn nicht in das Haus seines Königreiches eindringen lassen, um seine Dinge mitzunehmen. Ihr aber, wacht angesichts der Welt; gürtet eure Lenden mit einer großen Kraft, dass die Räuber keinen Weg finden, um zu euch zu kommen. Denn der Mangel, den ihr jetzt vorrausseht, sie werden ihn finden. Unter euch möge doch jeder ein weiser Mann sein! Als die Frucht gereift ist, ist er sofort gekommen, seine Sichel in der Hand, und hat sie gemäht. Wer Ohren hat, zu hören, der höre.

    (22) Jesus sah Kleine, die gesäugt wurden. Er sprach zu seinen Jüngern: Diese Kleinen, die gesäugt werden, gleichen denen, die ins Königreich eingehen. Sie sagten zu ihm: Wenn wir also Kinder werden, werden wir (dann) in das Königreich eingehen? Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr aus zwei eins macht und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere und wenn ihr aus dem Männlichen und dem Weiblichen eine Sache macht, so dass das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich ist und wenn ihr Augen macht statt eines Auges und eine Hand statt einer Hand und einen Fuß statt eines Fußes, ein Bild statt eines Bildes, dann werdet ihr in das Königreich eingehen.

    (23) Jesus sprach: Ich werde euch auswählen, einen unter tausend und zwei unter zehntausend, und sie werden dastehen, als wären sie ein einziger.

    (24) Seine Jünger sagten: Belehre uns über den Ort, an dem du bist, denn es ist notwendig für uns, dass wir ihn suchen. Er sprach zu ihnen: Wer Ohren hat, der höre! Es ist Licht nur im Inneren des Menschen des Lichts, und er erleuchtet (ihm) die ganze Welt. Wenn es (einem) nicht scheint, ist Finsternis.

    (25) Jesus sprach: Liebe deinen Bruder wie deine Seele; wache über ihn wie über deinen Augapfel.

    (26) Jesus sprach: Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, den siehst du; aber den Balken, der in deinem Auge ist, den siehst du nicht. Wenn du den Balken aus deinem Auge gezogen hast, dann wirst du (klar) sehen; um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.

    (27) Jesus sprach: Wenn ihr nicht fastet in der Welt, werdet ihr das Königreich nicht finden; wenn ihr den Sabbat nicht feiert wie den Sabbat, werdet ihr den Vater nicht sehen.

    (28) Jesus sprach: Ich stand in der Mitte der Welt, und ich habe mich ihnen im Fleisch offenbart. Ich habe sie alle betrunken gefunden; ich habe niemanden unter ihnen durstig gefunden, und meine Seele wurde betrübt über dieMenschenkinder; denn sie sind blind in ihrem Herzen. Und sie sehen nicht, dass sie leer in die Welt gekommen sind, sie versuchen die Welt auch leer zu verlassen. Aber nun sind sie betrunken. Wenn sie ihren Wein abschütteln, so werden sie bereuen (Buße tun).

    (29) Jesus sprach: Wenn das Fleisch zur Existenz gelangt ist wegen des Geistes, so ist das ein Wunder. Aber wenn der Geist (zur Existenz gelangt ist) wegen des Leibes, so ist das ein Wunder der Wunder. Aber ich, ich wundere mich darüber, wie dieser große Reichtum in dieser Armut gewohnt hat.

    (30) Jesus sprach: Wo drei Götter sind, da sind es Götter; wo zwei oder einer ist, da werde ich mit ihm sein.

    (31) Jesus sprach: Kein Prophet wird in seinem Dorf aufgenommen, kein Arzt heilt die, die ihn kennen.

    (32) Jesus sprach: Eine Stadt, die auf einem Berg gebaut ist, erhöht und befestigt, kann nicht fallen, noch kann sie verborgen werden.

    (33) Jesus sprach: Das, was du mit deinem einen Ohr (im Vertrauen) hörst, dem anderen Ohr verkünde es (beim Gespräch) auf euren Dächern. Denn niemand zündet eine Lampe an, um sie unter den Scheffel zu stellen, noch um sie an einen verborgenen Ort zu stellen; sondern man stellt sie auf einen Leuchter, damit jeder, der eintritt und hinausgeht, ihr Licht sieht.

    (34) Jesus sprach: Wenn ein Blinder einen Blinden hinter sich her zieht, fallen sie beide hinunter in eine Grube.

    (35) Jesus sprach: Es ist nicht möglich, dass jemand in das Haus des Mächtigen eintritt und es mit Gewalt nimmt, es sei denn, er bände ihm die Hände; dann wird er sein Haus plündern.

    (36) Jesus sprach: Sorgt euch nicht vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen, mit was ihr euch bekleiden werdet.

    (37) Seine Jünger sagten: An welchem Tag wirst du dich uns offenbaren, und an welchem Tag werden wir dich sehen? Jesus sprach: Wenn ihr eure Scham nackt gemacht habt, wenn ihr eure Kleider nehmen und unter eure Füße legen werdet, wie die kleinen Kinder, und auf sie tretet, dann werdet ihr den Sohn des Lebendigen sehen und ihr werdet euch nicht fürchten.

    (38) Jesus sprach: Oft habt ihr gewünscht, diese Worte zu hören, die ich euch sage, und ihr habt keinen anderen, von dem ihr sie hören könnt. Tage werden kommen, da ihr mich suchen und nicht finden werdet.

    (39) Jesus sprach: Die Pharisäer und die Schriftgelehrten haben die Schlüssel zur Erkenntnis erhalten, und sie haben sie versteckt. Sie sind auch nicht eingetreten, und die, die eintreten wollten, haben sie nicht eintreten lassen. Aber ihr, seid klug wie die Schlangen und rein wie die Tauben.

    (40) Jesus sprach: Ein Weinstock ist gepflanzt worden außerhalb des Vaters; und da er nicht befestigt ist, wird er ausgerissen werden mit seiner Wurzel, und er wird verderben.

    (41) Jesus sprach: Wer (etwas) in seiner Hand hat, dem wird gegeben werden; und dem, der nicht hat, wird man auch das Wenige, das er hat, nehmen.

    (42) Jesus sprach: Seid Vorübergehende!

    (43) Seine Jünger sagten zu ihm: Wer bist du, der du uns diese Dinge sagst? Jesus sprach zu ihnen: Von dem, was ich euch sage, wisst ihr nicht, wer ich bin? Doch ihr seid wie die Juden geworden; denn sie lieben den Baum und hassen seine Frucht, und sie lieben die Frucht und hassen den Baum.

    (44) Jesus sprach: Wer den Vater lästert, dem wird man verzeihen, und wer den Sohn lästert, dem wird man verzeihen; aber dem, der den Heiligen Geist lästert, dem wird man nicht verzeihen, weder auf der Erde noch im Himmel.

    (45) Jesus sprach: Man erntet nicht Trauben von Dornensträuchern, noch pflückt man Feigen von Weißdornsträuchern, sie geben keine Frucht. Denn ein guter Mensch bringt Gutes aus seinem Schatz hervor; ein böser Mensch bringt böse Dinge aus seinem Schatz hervor, der in seinem Herz ist, und er sagt böse Dinge, denn aus dem Überfluss des Herzens bringt er böse Dinge hervor.

    (46) Jesus sprach: Von Adam bis Johannes dem Täufer ist unter den Kindern der Frauen kein höherer als Johannes der Täufer zu dem Zweck, dass seine Augen unverstellt bleiben. Aber ich habe gesagt: Wer unter euch klein wird, wird das Königreich erkennen und wird höher sein als Johannes.

    (47) Jesus sprach: Es ist unmöglich, dass ein Mensch zwei Pferde besteigt, (und) dass er zwei Bogen spannt; und es ist nicht möglich, dass ein Diener zwei Herren dient, es sei denn, er ist ehrerbietig dem einen gegenüber, und den anderen verhöhnt er. Niemand trinkt alten Wein und wünscht sofort, neuen Wein zu trinken. Und man gießt nicht neuen Wein in alte Schläuche, damit sie nicht verderben; und man gießt nicht alten Wein in einen neuen Schlauch, damit er ihn nicht verderbe. Man näht nicht einen alten Flicken auf ein neues Gewand, denn es würde ein Riss entstehen.

    (48) Jesus sprach: Wenn zwei Frieden schließen unter sich in demselben Haus, werden sie dem Berg sagen: Versetze dich, und er wird sich versetzen.

    (49) Jesus sprach: Selig die Einsamen und die Erwählten, denn ihr werdet das Königreich finden, denn ihr seid aus ihm gekommen, und und ihr werdet dahin zurückkehren.

    (50) Jesus sprach: Wenn sie zu euch sagen: ‘Woher kommt ihr?’, dann sagt zu ihnen: ‘Wir kommen aus dem Licht, daher, wo das Licht aus sich selbst heraus geboren ist. Es hat sich erzeugt, und es hat sich in ihrem Bild offenbart.’ Wenn sie zu euch sagen: ‘Wer seid ihr?’, dann sagt: ‘Wir sind seine Söhne, und wir sind die Auserwählten des lebendigen Vaters.’ Wenn sie euch fragen: ‘Welches ist das Zeichen eures Vaters in euch?’, sagt zu ihnen: ‘Es ist Bewegung und Ruhe.’

    (51) Seine Jünger sagten zu ihm: An welchem Tag wird die Ruhe der Toten eintreten, und an welchem Tag wird die neue Welt kommen? Er sprach zu ihnen: Was ihr erwartet, ist gekommen, aber ihr erkennt es nicht.

    (52) Seine Jünger sagten zu ihm: Vierundzwanzig Propheten haben in Israel gesprochen, und sie haben alle von dir gesprochen. Er sprach zu ihnen: Ihr habe den vor euren Augen Lebendigen ausgelassen, und ihr habt von den Toten gesprochen.

    (53) Seine Jünger sagten zu ihm: Ist die Beschneidung nützlich oder nicht? Er sprach zu ihnen: Wenn sie nützlich wäre, würde ihr Vater sie schon beschnitten in ihrer Mutter zeugen. Aber die wahre Beschneidung im Geist hat vollen Nutzen gehabt.

    (54) Jesus sprach: Selig sind die Armen, denn euer ist das Himmelreich.

    (55) Jesus sprach: Wer seinen Vater und seine Mutter nicht hasst, kann nicht mein Jünger werden. Und wer nicht seine Brüder und seine Schwestern hasst und wer nicht sein Kreuz trägt wie ich, wird meiner nicht würdig sein.

    (56) Jesus sprach: Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden; und wer einen Leichnam gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.

    (57) Jesus sprach: Das Königreich des Vaters ist gleich einem Menschen, der eine gute Saat hatte. Sein Feind kam in der Nacht und säte Unkraut unter die gute Saat. Der Mensch erlaubte ihnen nicht, das Unkraut auszureißen. Er sprach zu ihnen: [Ich erlaube es nicht,] damit ihr nicht geht, das Unkraut auszureißen, und den Weizen mit ihm ausreißt. Am Tag der Ernte wird das Unkraut sichtbar werden; man wird es ausreißen und verbrennen.

    (58) Jesus sprach: Selig der Mensch, der gelitten hat; er hat das Leben gefunden.

    (59) Jesus sprach: Schaut auf den Lebendigen, solange ihr lebt, damit ihr nicht sterbt und dann versucht, ihn zu sehen. Ihr werdet ihn nicht sehen können.

    (60) Sie sahen einen Samariter, der ein Lamm trug und nach Judäa ging. Jesus sprach zu seinen Jüngern: Was will dieser mit dem Lamm? Sie sagten zu ihm: Es töten und essen. Er sprach zu ihnen: Während es lebt, wird er es nicht essen, sondern nur, wenn er es tötet und wenn es ein Leichnam wird. Sie sagten: Anders kann er es nicht tun. Er sprach zu ihnen: Auch ihr, sucht einen Ort zur Ruhe, damit ihr nicht ein Leichnam werdet und gegessen werdet.

    (61) Jesus sprach: Zwei werden ruhen auf einem Bett, einer wird sterben, der andere wird leben. Salome sprach: Wer bist du, Mensch, wessen Sohn? Du bist auf meinen Stuhl gestiegen und hast an meinem Tisch gegessen. Jesus sprach zu ihr: Ich bin der, der aus dem hervorkommt, der gleich ist[?]; es sind mir Dinge meines Vaters gegeben. Salome sprach: Ich bin deine Jüngerin. Jesus sprach zu ihr: Darum sage ich: Wenn er gleich ist, ist er voller Licht; aber wenn er geteilt ist, wird er voller Dunkelheit sein.

    (62) Jesus sprach: Ich sage meine Geheimnisse denen, die meiner Geheimnisse würdig sind. Was deine Rechte tut, soll deine Linke nicht wissen.

    (63) Jesus sprach: Es war einmal ein reicher Mann, der hatte viel Besitz. Er sprach: ich werde mein Vermögen benutzen, um zu säen, zu ernten, zu pflanzen, meine Speicher mit Früchten zu füllen, auf dass mir nichts fehle. So waren seine Gedanken in seinem Herzen; und in dieser Nacht starb er. Wer Ohren hat, der höre.

    (64) Jesus sprach: Ein Mann hatte Gäste; und nachdem er das Mahl zubereitet hatte, schickte er seinen Diener, um die Gäste einzuladen. Er ging zum ersten und sprach zu ihm: Mein Herr lädt dich ein. Der sprach: Ich habe Geld bei Kaufleuten; sie werden heute Abend zu mir kommen, ich werde gehen und ihnen Aufträge geben. Ich entschuldige mich für das Mahl. Er ging zu einem anderen und sprach zu ihm: Mein Herr hat dich eingeladen. Dieser sprach zu ihm: Ich habe ein Haus gekauft; und man braucht mich für einen Tag. Ich werde keine Zeit haben. Er ging zu einem anderen und sprach zu ihm: Mein Herr lädt dich ein. Dieser sprach zu ihm: Mein Freund wird sich verheiraten, und ich mache das Mahl. Ich kann nicht kommen. Ich entschuldige mich für das Mahl. Er ging zu einem anderen, er sprach zu ihm: Mein Herr lädt dich ein. Er sprach zu ihm: Ich habe einen Bauernhof gekauft; ich werde gehen, den Zins zu erhalten. Ich kann nicht kommen. Ich entschuldige mich. Der Diener kam zurück und sprach zu seinem Herrn: Die, die du eingeladen hast zum Mahl, lassen sich entschuldigen. Der Herr sprach zu seinem Diener: Geh hinaus auf die Wege, bring die mit, die du finden wirst, damit sie essen. Die Verkäufer und Händler werden den Ort meines Vaters nicht betreten.

    (65) Er sprach: Ein ehrbarer Mann hatte einen Weinberg. Er gab ihn Winzern, damit sie in ihm arbeiteten und er die Früchte von ihnen bekäme. Er schickte seinen Diener, damit die Winzer ihm die Frucht des Weinbergs geben. Die Winzer ergriffen seinen Diener, schlugen ihn, und sie hätten ihn beinahe erschlagen. Der Diener ging davon und sagte es seinem Herrn. Sein Herr sprach: Vielleicht hat er sie nicht erkannt. Er schickte einen anderen Diener und die Winzer schlugen auch diesen. Nun schickte der Herr seinen Sohn. Er sprach: Vielleicht werden sie Respekt haben vor meinem Sohn. Die Winzer, als sie erfuhren, dass er der Erbe des Weinbergs ist, packten ihn und töteten ihn. Wer Ohren hat, der höre.

    (66) Jesus sprach: Zeigt mir den Stein, den die Bauleute verworfen haben: Er ist der Eckstein.

    (67) Jesus sprach: Wer die ganze Welt kennt, doch das Eine nicht, dem fehlt alles.

    (68) Jesus sprach: Selig seid ihr, dass man euch hassen wird und dass man euch verfolgen wird, und sie selbst werden keinen Platz finden, wo man euch verfolgt hat.

    (69) Jesus sprach: Selig sind die, die von ihrem Herzen getrieben werden; es sind diese, die den Vater in Wahrheit erkannt haben. Selig sind die hungern, um den Bauch dessen zu füllen, der es wünscht.

    (70) Jesus sprach: Wenn ihr dies in euch erworben habt, wird euch das, was ihr habt, retten. Wenn ihr dies nicht in euch habt, wird das, was ihr nicht in euch habt, euch sterben lassen.

    (71) Jesus sprach: Ich werde dieses Haus zerstören, und niemand wird in der Lage sein, es wieder aufzubauen.

    (72) [Ein Mann sprach] zu ihm: Sage meinen Brüdern, dass sie die Güter meines Vaters mit mir teilen sollen. Er sprach zu ihm: O Mensch, wer hat mich zu einem Teiler gemacht? Er wandte sich seinen Jüngern zu. Er sprach ihnen: Bin ich denn ein Teiler?

    (73) Jesus sprach: Die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige. Bittet aber den Herrn, dass er Arbeiter für die Ernte schickt.

    (74) Er sprach: Herr, es sind viele um den Brunnen, aber keiner ist in dem Brunnen.

    (75) Jesus sprach: Es gibt viele, die an der Tür stehen, aber es sind die Einsamen, die in das Brautgemach eintreten werden.

    (76) Jesus sprach: Das Königreich des Vaters ist gleich einem Kaufmann, der Ware hatte und der eine Perle fand. Dieser Kaufmann war weise. Er verkaufte die Ware, er kaufte die Perle allein. Sucht auch ihr den Schatz, der nicht aufhört und dauert, dort, wo die Motte nicht hinkommt, um zu fressen, und wo auch kein Wurm zerstört.

    (77) Jesus sprach: Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das All; das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.

    (78) Jesus sprach: Warum seid ihr ausgezogen auf das Feld? Um ein Schilfrohr im Winde schwanken zu sehen? Und um einen Menschen zu sehen, der weiche Kleider an hat? Seht eure Könige und Vornehmen, diese haben weiche Kleider an, und sie können die Wahrheit nicht erkennen.

    (79) Eine Frau aus der Menge sprach zu ihm: Glücklich der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die dich genährt haben. Er sprach zu ihr: Glücklich sind die, die das Wort des Vaters gehört haben und die es bewahrt haben in Wahrheit. Denn es werden Tage kommen, da ihr euch sagen werdet: Glücklich der Leib, der nicht empfangen hat, und die Brüste, die nicht Milch gegeben haben.

    (80) Jesus sprach: Wer die Welt erkannt hat, hat den Leib gefunden; aber wer den Leib gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.

    (81) Jesus sprach: Wer reich geworden ist, soll herrschen, und wer die Macht besitzt, soll sie aufgeben.

    (82) Jesus sprach: Wer mir nahe ist, der ist dem Feuer nahe, und wer fern von mir ist, ist fern vom Königreich.

    (83) Jesus sprach: Die Bilder sind dem Menschen offenbart, aber das Licht, das in ihnen ist, ist verborgen im Bild. Das Licht des Vaters wird sich offenbaren, aber sein Bild ist durch sein Licht verborgen.

    (84) Jesus sprach: Wenn ihr eure Ebenbilder seht, werdet ihr erfreut sein. Aber wenn ihr eure Ebenbilder seht, die vor euch existierten, die nicht sterben noch sich offenbaren, wie viel werdet ihr dann ertragen?

    (85) Jesus sprach: Adam ist aus einer großen Kraft hervorgekommen und aus einem großen Reichtum, und er war eurer nicht würdig; denn wenn er würdig gewesen wäre, hätte er den Tod nicht geschmeckt.

    (86) Jesus sprach: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel haben ihr Nest, aber der Sohn des Menschen hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen und sich ausruhen kann.

    (87) Jesus sprach: Elend ist der Leib, der von einem Leib abhängig ist, und elend ist die Seele, die von diesen beiden abhängt.

    (88) Jesus sprach: Die Engel und die Propheten werden zu euch kommen, und sie werden euch geben, was euer ist. Und ihr selbst, was in euren Händen ist, gebt es ihnen und sagt euch selbst: An welchem Tag werden sie kommen, um zu empfangen, was das ihre ist?

    (89) Jesus sprach: Warum wascht ihr das Äußere der Trinkschale? Versteht ihr nicht, dass der, der das Innere gemacht hat, auch der ist, der das Äußere gemacht hat?

    (90) Jesus sprach: Kommt zu mir, denn mein Joch ist leicht, und meine Herrschaft ist mild, und ihr werdet Ruhe für euch finden.

    (91) Sie sagten zu ihm: Sage uns, wer du bist, damit wir an dich glauben. Er sprach zu ihnen: Ihr prüft das Aussehen des Himmels und der Erde, und den, der vor euch ist, habt ihr nicht erkannt, und diese Gelegenheit wisst ihr nicht zu prüfen?

    (92) Jesus sprach: Sucht, und ihr werdet finden; aber was ihr mich in diesen Tagen gefragt habt und was ich euch nicht gesagt habe, jetzt gefällt es mir, es zu sagen, und ihr fragt nicht danach.

    (93) Jesus sprach: Gebt nicht, was heilig ist, den Hunden, damit sie es nicht auf den Misthaufen werfen. Werft keine Perlen vor die Schweine, damit sie sie nicht … [unrein?] machen.

    (94) Jesus [sprach]: Wer sucht, der wird finden, und der, der an das Innere anklopft, dem wird geöffnet werden.

    (95) Jesus sprach: Wenn ihr Geld habt, verleiht es nicht mit Wucher, sondern gebt … dem, von dem ihr es nicht wiederbekommen werdet.

    (96) Jesus sprach: Das Königreich des Vaters ist gleich einer Frau. Sie nahm ein wenig Sauerteig, verbarg ihn im Teig und machte davon große Brote. Wer Ohren hat, der höre.

    (97) Jesus sprach: Das Königreich des [Vaters] ist gleich einer Frau, die einen Krug voller Mehl trug. Sie ging auf einem weiten Weg. Der Henkel des Kruges brach, das Mehl verstreute sich hinter ihr auf den Weg. Sie wusste es nicht, sie hatte das Unheil nicht wahrgenommen. Als sie in ihr Haus kam, stellte sie den Krug auf den Boden und fand ihn leer.

    (98) Jesus sprach: Das Königreich des Vaters ist gleich einem Mann, der wollte einen Edlen töten. Er zog in seinem Haus das Schwert und durchstach die Mauer, um herauszufinden, ob seine Hand stark genug wäre. Dann tötete er den Edlen.

    (99) Die Jünger sagten zu ihm: Deine Brüder und deine Mutter sind draußen. Er sprach zu ihnen: Diese hier, die den Willen meines Vaters tun, die sind meine Brüder und meine Mutter; sie sind es, die in das Königreich meines Vaters eingehen werden.

    (100) Sie zeigten Jesus ein Goldstück und sagten zu ihm: Die Leute des Kaisers verlangen von uns Steuern. Er sprach zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott, was Gottes ist. Und was mein ist, das gebt mir.

    (101) Jesus sprach: Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst, wird nicht mein Jünger werden können. Und wer seinen Vater und seine Mutter nicht liebt wie ich, wird nicht mein Jünger werden. Denn meine Mutter … [?], aber meine wahre Mutter, sie gab mir das Leben.

    (102) Jesus sprach: Wehe den Pharisäern, denn sie gleichen einem Hund, der in dem Trog der Rinder liegt; denn er frisst nicht, noch lässt er die Rinder fressen.

    (103) Jesus sprach: Selig der Mensch, der weiß, wann in der Nacht die Diebe kommen werden, damit er aufstehe, seine [Sachen?] sammle und sich die Lenden gürte, bevor sie eintreten.

    (104) Sie sagten zu ihm: Komm, lass uns heute beten und fasten. Jesus sprach: Welches ist denn die Sünde, die ich begangen habe, oder worin bin ich besiegt worden? Aber wenn der Bräutigam aus der Brautkammer hinausgegangen sein wird, dann lasst sie fasten und beten.

    (105) Jesus sprach: Wer den Vater und die Mutter kennt, kann der Sohn einer Hure genannt werden?

    (106) Jesus sprach: Wenn ihr aus zwei eins macht, werdet ihr Söhne des Menschen werden; und wenn ihr sagt: Berg, gehe weg, wird er sich wegbewegen.

    (107) Jesus sprach: Das Königreich ist gleich einem Hirten, der hundert Schafe hatte. Eines, das das größte war, verirrte sich; er verließ die neunundneunzig und suchte das eine, bis er es gefunden hatte. Danach, als er so viel Mühe gehabt hatte, sprach er zu dem Schaf: ich liebe dich mehr als die neunundneunzig.

    (108) Jesus sprach: Wer von meinem Mund trinkt, wird werden wie ich, und ich werde wie er, und die verborgenen Dinge werden sich ihm offenbaren.

    (109) Jesus sprach: Das Königreich ist gleich einem Mann, der in seinem Acker einen versteckten Schatz hatte, von dem er nichts wusste. Und als er gestorben war, vererbte er ihn seinem Sohn. Der Sohn wusste davon nichts; er nahm dieses Feld und verkaufte es. Und der, der es gekauft hatte kam. Er pflügte und fand den Schatz. Er begann, Geld gegen Zinsen denen zu verleihen, die er wollte.

    (110) Jesus sprach: Wer die Welt gefunden hat und reich geworden ist, der soll auf die Welt verzichten.

    (111) Jesus sprach: Die Himmel und die Erde werden sich aufrollen in eurer Gegenwart, und der Lebendige, hervorgegangen aus dem Lebendigen, wird nicht Tod noch Furcht sehen.

    Denn Jesus sagt: Wer sich selbst findet, dessen ist die Welt nicht würdig.

    (112) Jesus sprach: Wehe dem Fleisch, das von der Seele abhängig ist; wehe der Seele, die vom Fleisch abhängig ist.

    (113) Seine Jünger sagten zu ihm: Das Königreich, an welchem Tage wird es kommen? Jesus sprach: Es wird nicht kommen, indem man darauf wartet. Man wird nicht sagen: Seht, hier ist es, oder: Seht, dort ist es. Sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.

    (114) Simon Petrus sprach zu ihnen: Maria soll aus unserer Mitte fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sprach: Seht, ich werde sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendiger Geist wird, vergleichbar mit euch Männern. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Himmelreich gelangen.

    Quellen:

    – http://www.earlychristianwritings.com/thomas.html
    – Thomas Evangelium aus dem Englischen von Stephen Patterson and Marvin Meyer

  • C.G. Jung and symbols of the film noir

    C.G. Jung and symbols of the film noir

    Again, Jungians were faster to search for symbols of the film noir. I just saw some old movies again, including Pulp Fiction, Blade Runner, Rosmary´s Baby and 2001 – A Space Odyssey and some film noir movies.  I was interested how Jungian ideas could help me understand the films from a different angle and advance with a little project since I read Marcus – the image of the good and the evil, deamons and shadows. I thought this was an original thought, but no,  of course a few articles had been written already.

    In Pulp Fiction,  Jules (the hit man) expresses his idea of religion: “There’s a passage I got memorized. Ezekiel 25:17. “The path of the righteous man is beset on all sides by the inequities of the selfish and the tyranny of evil men. Blessed is he who, in the name of charity and good will, shepherds the weak through the valley of the darkness. For he is truly his brother’s keeper and the finder of lost children. And I will strike down upon thee with great vengeance and furious anger those who attempt to poison and destroy my brothers. And you will know I am the Lord when I lay my vengeance upon you.” I been sayin’ that shit for years. And if you ever heard it, it meant your ass. I never really questioned what it meant. I thought it was just a cold-blooded thing to say to a motherfucker ‘fore you popped a cap in his ass. But I saw some shit this mornin’ made me think twice. Now I’m thinkin’, it could mean you’re the evil man. And I’m the righteous man. And Mr. 9mm here, he’s the shepherd protecting my righteous ass in the valley of darkness. Or it could be you’re the righteous man and I’m the shepherd and it’s the world that’s evil and selfish. I’d like that. But that shit ain’t the truth. The truth is you’re the weak. And I’m the tyranny of evil men. But I’m tryin’. I’m tryin’ real hard to be a shepherd”. Sounds like Nietzsche’s  Zarathustra, the weak men need the strong independent man without moral.

    For the viewer of Pulp Fiction, the five-fold pattern punched out by the bullet tracks soon after the film has begun is like Quentin Tarantino’s message. This is the film for anyone to see who wants to understand better what our violent, fear-ridden society may unconsciously be aiming at beyond its own self-destruction. From one side of the ambivalent feeling it sets off, Pulp Fiction is a sharply funny satire of the violence of our culture, offering itself, with its vulgar language and tense set-pieces, as a supreme occasion for indulging our regret at the deterioration of our culture’s values. For me, Pulp Fiction feels like a weirdly hopeful, even religious, film, an angel carrying the message that our collective weariness with violence is a deconstruction within the Western shadow itself.

    Five is 4 + 1 or 2 + 3. In the first case its the  symbol of the rule of the spirit over the four elements symbolizes  (white) magic. In the second case it is the combination of the first female with the first male number and becomes the symbol of the sensuality and (predominantly male) sexuality. In the Christianity its symbolized by the  five wounds of Christ a . Five was subordinated in the Christian culture of the four: the  the four books of the New Testament. Five was also the number of the old-Babylonian goddess Ischta and in the Alchemie by it quinta essentia, the spirituelle quintessence was the spirit, which was symbolized by the rule of the upright-standing Pentagramm over the four elements. Darkly is the fallen Pentagramm,  which symbolized the subordination of the spirit under the raw forces –  the spiritual fall. It is symbol for the black magic.

    Five bullet holes appear in the wall behind Vincent and Jules, hit men who have come to discipline a flat full of drug dealers for holding back a stash that they owe to the drug lord Marsellus Wallace. Discovering that they have survived an unexpected counterattack from a hidden observer, the two react quite differently. For the yuppier of the pair, coolly slack Vincent (John Travolta), the close call is another occasion to express his dismay at the way things go in our unmannerly society. The more reflective, intense Jules (eloquent Samuel L. Jackson) takes the sparing of his life as a religious rather than social sign, an indication that God wants to keep him alive. He uses the event as an opportunity for a reappraisal of his own relation to the culture of violence.

    Five brings me to the next movie: Rosemary’s Baby. The Pentagramm served gnostics and pagans as protection against night daemons (Drude, “weibliche Nachtgeister” like Animus) and bad powers . In Goethe’s  Faus Mephisto cannot cross the door limit, because a Pentagramm is scratched there.  In the hermetic traditions is the Pentagramm one of the most important symbol. Since the antiquity this symbolism possibly relates to the  periodic motion of the planet, whose positions describe every eight  years an accurate Pentagramm. Geometry has two great treasures; one is the Theorem of Pythagoras; the other, the division of a line into extreme and mean ratio. The first we may compare to a measure of gold, the second we may name a precious jewel (Johannes Kepler). The Divine Proportion plays an essential role in the construction of the pentagon and five-fold symmetry. The reverse five-pointed star, however,  used in the movie,  is the most well-known indication of the Satan.  The reverse cross standing on the head symbolizes  refusal of the Christian cross and  666, the number of the anti-Christian from the “Offenbarung” of Johannes, all are used in Rosemary’s Baby.

    Polanski’s Nóż w wodzie – Knife in the water (1962), Repulsion (1965), Dance of the Vampires (1967), Rosemary’s Baby (1968), The Tragedy of Macbeth (1971) and Chinatown are all dark haunted movies. In particular Rosemary’s Baby connects directly to the catholic church. Polanski’s movies paint poetic soul landscapes, whose origins may lie in his  personal trauma experiences. As a child the Polish producer survived the Holocaust, which took its mother to it.  On August 9th 1969  his  high-pregnant wife Sharon Tate was murdered  by the Charles Manson gang , a murder for which many held the movie (more Polanskis indirect connection to Manson due to his tideous research) partially responsible. Polanskis experiences with anti-Semitism, force and murder play a central role in this film. His unconcisiouness ceates artistic imageswhich are symbols of shadowly creatures.

    Though there have long been films that featured demonic activity, devil worshippers, or appearances by Satan, the release of Rosemary’s Baby marked a significant t new openness to mystical and to explicitly religious themes. Rosemary’s Baby can be seen as nothing more than a well-crafted movie that plays on the timeless and archetypal fear of “the Devil”. However, when one looks at the movie’s precise timing in American history and the incredible series of events that followed its release, the movie becomes unsettling. The same way Rosemary discovers the workings of an international witch coven, Western society “discovers” a darker side of europeanl politics.  Media slaves are unleashed in the public, shocking anti-christian events occur and Western culture becomes a celebration of depravity. In terms of mysticism, the unconscious is direct link to our psychic interpretation and divine inspiration. In psychological terms, it would best be associated to what Carl Jung described as the ‘Collective Unconscious.’ Specific cultural archetypes, as Jung described, are able to be found universally through this Collective Unconscious, or that common inner experience that we all share. The projections of these archetypes, such as angelic beings or deamons like in  Rosemary’s Baby are simple representations of one’s inner self  -of our society that is to say-  that can be projected or confronted: ” Angst ist Forderung und Aufgabe, denn nur das Wagnis kann von der Angst befreien. Und wenn es nicht gewagt wird, so ist […] alle zukunft zu hoffnungsvoller Plattheit verdammt, zu einer Dämmerung, die nur noch durch Irrlichter erhellt wird” (C.G. Jung Symbole der Wandlung). Rosemary bore the devil.  “Satan” is clearly an archetype for the Reptilian race. “Satan” was often symbolized as a dragon, a snake, a lizard or a strange looking bi-pedal, upright standing and cleverly cunning, half human/half reptile creature (refer to the Gnostic texts for this Reptilian being known as ‘Nachash’). The Jewish Haggada also describes in great detail, amongst a plethora of other ancient accounts, the nature and appearance of this Reptilian race that seeded and interbred with mankind. Rosmary, however, resigns herself to this situation. She gave the Evil existence and shape. She looks at this terrible creature in the cradle (with te reverse cross), the cradle song rings out. It is their child.  She bore it.  The Good and the Evil  are mother and father of this child, which we believed are not part of us. Rosemary’s hesitant, insecure faith no match for the evil of the coven and the  good and the evil falls outside of comfortable dualities and binary oppositions.

  • The Psychology of C.G.Jung Walter-Verlag 1972

    I bought Jolande Jacobi’s  classic book Psychology of C.G.Jung – for 60 years on the market –  in Zurich from my favorite second hand bookshop (Antiqariat sounds better). The hardcover edition is  in German and came with lots of marks – I added even more. Jolande Jacobi’s offers the reader a comprehensive review of the central content of C.G. Jung’s system. Jolande Jacobi, student of him and his closest colleague, succeeded it in this book to present the fundamental terms and concepts of Jung’ psychology clearly and descriptive.  The book gives an understandable introduction to the Jung’ work to laymen and makes possible for specialists to arrive at a deeper understanding of the analytic psychology.

    The book also includes beautiful eight color plates among the “pictures from the unconscious” and other illustrations which give a better idea of the psychic structure process than can be conveyed in words.

    Through Jung’s research we now know that the individual psyche is not just a product of personal experience, but has an evolutionary history resulting in a transpersonal dimension manifested in universal patterns and images such as are found in all the worlds’ religions and mythologies. Jung further discovered that the psyche has a structure or ordering principle that unifies the various archetypal contents. The archetype of wholeness is the central archetype that Jung calls the Self. The Self is the supreme psychic authority and compreise all others. The system an the archetypes are represented by mandalas and and diagrams ar typically circles. The diagram above has been derived from my understanding of the presented concepts in the book.

    The book is completed by a good  bibliography and all references make it easy to go C.G.Jungs vast writings, which – voila – can be easier understood after reading Jolande Jacobi’s  clear and concise book.

  • King, Warrior, Magician, Lover: Rediscovering the Archetypes of the Mature Masculine

    King, Warrior, Magician, Lover: Rediscovering the Archetypes of the Mature Masculine

    “King, Warrior, Magician, Lover – Review

    “King, Warrior, Magician, Lover – Rediscovering the Archetypes of the Mature Masculine” is a C. G. Jung based interpretation of masculine behavior and personality in the light of social context mythology, poetry and art. This book describes what it takes for a man (and boy) to grow up, what C.G. Jung defined as individuation process. The book presents those four archetypes and asserts that men need to embraces or control their positive and negative elements (shadows). C. G. Jung believed as depth psychologist that evolutionary and cultural roots manifested in archetypes to form our unconscious experience. The authors describe the potential in contemporary us and how to access those archetypes and utilize there energy within us.The book is organized in two major parts, the archetypes of boys and the archetypes of men and four subchapters the respective archetypes. All four representations of the archetypes have one positive (right amount) and 2 negative poles (deficit or surplus). For example, the positive lover archetype embraces the world with passion whereas the negative poles are the addicted lover and the impotent lover. Robert Moore and Douglas Gillette see every man (or boy) somewhere between these three extremes

    King, Warrior, Magician, Lover C_G_JUNG_FEMALE_and MALE ARCHETYPES
    C_G_JUNG_MOORE_MALE_FEMALE_ARCHETYPES
    • The King is the life giver and the most important responsible for the safety and well being. The book quotes from history and art that every society must have king or leader who is entrusted with guiding his people to success and comfort. The benefits and virtues of the king are many, but the responsibilities are many as well. And if the king fails in his duties he is traditionally disposed. The shadows sides are tyrant and the weakling.
    • The Warrior is today the most controversial of the archetypes, because of the cruel acts perpetrated by its shadow side. Yet aggressiveness is a highly needed characteristic responsible for our personal achievements and those of our culture. The authors suggest that properly accessed, the Warrior can do a great deal to empower us to live our lives, provide self-discipline, and protect. The two shadow sides are the Sadist and the Masochist. The Warrior is a destroyer who destroys the enemies and clears a space for renewal and change. The prototype of the warrior is the soldier.
    • The Magician, represents Logos according to Jung a masculine principle, is the archetype behind a multitude of professions like, lawyers but also engineers, scientists and priests. He sees the unseen. He is the mediator and communicator of secret knowledge, the healer, technologist, teacher, and spiritual. The Magician always has a tendency to abuse his power, being the negative Magician, the manipulator.
    •  The Lover like the feminine principle Eros manifests energy and fertility of the nature. The gendering of Eros and Logos and synergy is a consequence of Jung’s anima/animus synergy. Lovers are at easy with our own deepest and most central values and visions, and with others. And only through union of the feminine and the masculine our culture and personality prospers and grows. The “me- society” of the impotent is sterile and without compassion and the sex addict destroys any spiritual dimension.Gillette and Moore’s book asks valid questions and does right again on the misunderstood and suppressed aspects of masculine life.

    The book asserts also, that in former time these roles could be fulfilled by on person. The shaman as a holistic archetype has the King’s capacity to care, the Warrior’s capacity to fight and the Lover’s capacity to value someone or something enough to fight.
    There is much to contemplate in these books which can be mapped with political, mythic and culture examples. The self- evidence of this interpretation and its usefulness is overwhelmingly convincing. The book can be used for understanding history, analyzing the state of your society, for self reflection or spiritual exploration. For example, look at your politicians: Does one of them have the virtues of those positive archetypes? As a man look into yourself or ask your family – are you a good King, a good Lover, a good Warrior and a good Magician? I re-read this book after a monk, who not coincidently is also a trained Jungian, used it as guideline line in a weekends treat at a monastery.
    Robert Moore and Douglas Gillette have had great influence in the American men’s movement, but I approached this book from C. G. Jung, on which the concept of archetypes is based. The proposed archetypes of the book: “King, Warrior, Magician, Lover” of the book prove to be useful metaphors for men to work on themselves and to understand their sons. Hope that was not to lengthy…

  • Transzendenz und Religion bei C.G. Jung

    C.G. Jung befasste sich mit Transzendenz und Religion als  Mystiker unter den Psychoanalytikern und Gnostiker unter Religiösen. Während Freud vieles vom Sexualtrieb ableitet (passend zur östereichisch-großbürgerlich-verklemmten meist weiblichen Kundschaft), Adler den Machttrieb in den Vordergrund stellt, sieht C.G. Jung das Individuum in Verbundenheit mit magischen Wesensfragmenten (“Archetypen”) in deren religösen Ausprägungen z.B. mit der Dreifaltigkeit des westlichen Christentums: cgjInAHurry  – Zusammenfassung in Powerpoint.

    Dieses Essay versucht die Methode und das System C.G. Jungs aus religiöser Sicht zu sichten. Vieles das Jung in Bezug auf die Religion geäussert hat, steht fest im Zusammenhang mit seiner Lehre, ja man könnte sagen, seine Lehre und sein Religionsverständnis bedingen sich gegenseitig. Es erkennt religiöse Aspekte an, ganz besonders  das  “der Psyche eingeborene geistige und religiöse Bedürfnis” ( Jolande Jacobi) und er bezieht  sich stark auf Religion(en), Gnostik und das Christentum.  Die Beschäftigung mit (westlicher) Alchemie führte C.G. Jung zur Einsicht, dass durch Symbole  die Gott-Bilder und die natürlichen Funktionen der Psyche in Übereinklang zu bringen sind. Was ich gerne in der Angelegenheit anfügen würde: Das Christentum sollte mystische Elemente in ihre Tradition wiederbeleben. Die  fromme Bilder, der Bibel insbesondere der Evangelien übereinstimmen, und die Mystik von C.G. Jung sprechen, wie ich gerne glauben oder wissen würde, eine gemeinsame Sprache.

    1. Das individuelle (persönliche) Unbewußte

    C.G. Jung unterteilt die Psyche im wesentlichen in das Bewusste. das persönliche Unbewusste und das kollektive Unbewusste. Psychische Störungen sind bei C. G. Jung nicht auf einen einzigen Aspekt oder gar Triebfaktor reduziert noch sind für ihn Komplexe  – Knoten im persönliche Unbewusste unn oft Ursache der Störungen- nur schlecht.  Nach C.G. Jung  führt der Anpassungsprozeß in der ersten Lebenshälfte zur Abspaltung einer Persona und durch Unterdrückung bestimmter Persönlichkeitsteile zur Entwicklung von weiteren Teilpersönlichkeiten, welche diese aufnehmen müssen. Der wichtigste archetypische Figur  ist der sogenannte persönliche Schatten, unsere dunkle Seite. Der kollektive Schatten ist die „Rückseite des herrschenden Zeitgeistes. Das Seelenabbild umfaßt ausschließlich die gegengeschlechtlichen Aspekte. Bei dem Mann wird dieses Archetype Anima genannt, bei der Frau ist es der Animus.  Da diese Inhalte aber nicht vollkommen zu unterdrücken sind, kehren sie nach außen über Projektionen auf andere Personen und Gegenstände zurück. Bei Schatten und Seelenabbild  sind  Anteil des persönlich Unbewussten aber haben auch Anteile im kollektiven Unbewussten.  In dem Maße, in dem man sich mit sich selbst versöhnt, also seinen Schatten ins Bewusstsein holt, versöhnt man sich also auch mit seiner Umwelt. Auch Komplex sind typischerweise im Bereich des persönlichen Unbewussten.

    2. Das kollektive Unbewußte

    Nach C.G. Jung in “Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewussten enthalte “das Unbewusste nicht nur Persönliches sondern auch Unpersönliches in Form von vererbten Kategorien oder Archetypen”. Die Inhalte des kollektiven Unbewussten sind also die bereits vorher erwähnten Archetypen, und dieses kann daher auch als die Summe aller vererbten archetypischen Strukturen definiert werden. Der Begriff des Archetypus hat sich in Jungs Werken allmählich entwickelt. In den frühen Schriften sprach er zunächst von den Dominanten des kollektiven Unbewussten und benutzte dann bis 1927 das Wort “Urbild” bzw. “urtümliches Bild”.  Unter solchen Urbildern wurden Mythologen, Sagen- und Märchenmotive verstanden, die allgemein-menschliche Verhaltensweisen in ein Bild bzw. ein anschauliches Abbild zu fassen vermögen. Den seit 1927 benutzten Ausdruck “Archetypus” hat Jung dem “Corpus Hermeticum” entnommen, einem alchemistischen Werk aus dem 3. Jahrhundert nach Christi.  Es entfaltet von daher seine Wirkung auf die Erlebnis- und Verhaltensweisen des betreffenden Menschen, in dessen Unbewusstem es konstelliert ist. Sie bestehen seit der Existenz des Bewußtseins. Archetypen existieren, weil sowohl physisch, als auch psychisch in der Struktur des Menschen feste Gesetze bestehen, denen alle Menschen gehorchen. Blickt man zurück in die Vergangenheit, so wird man feststellen, daß sich alle Menschen zu allen Zeiten immer mit einer gleichen Basis von Problemen beschäftigten: Dem Verhältnis zu den Naturmächten, persönlichen und gesellschaftlichen Machtstrukturen, den übermenschlichen Mächten, dem Umgang mit Trieben und anderen Grundbedürfnissen, dem Problem von Gut und Böse, der Beziehung zwischen den Geschlechtern, den Problemen verschiedener Lebensalter, dem Umgang mit Unglück und Tod, der Beziehungen zum Transpersonalen und der Frage nach Sinn des Lebens und Transzendenz. Jede Gesellschaft und jeder Mensch sieht sich mit diesen archetypischen Problemen konfrontiert. Wenn man in solch einer Problematik verstrickt ist, so wird man nicht nur feststellen, dass die Problematik alt ist, sondern auch die Lösung Generationen vorher prinzipiell immer die Gleichen war. Das kollektive Unterbewußte ist der Teil in unserer Psyche, den wir haben, weil wir Menschen sind, und als solche bestimmte Grundfunktionen haben.  Archetype (per se) sind nach Jung die Bausteine des kollektiven Unbewußten.

    3. Komplexe  als Knoten im Unbewußten

    Ein wichtiger Begriff bei C. G. Jung sind Komplexe. Das sind Brennpunkte des seelischen Lebens in denen das Unterbewußtsein Impulse zum Handeln gibt, nach C.G. Jung “abgesprengte Teile der Seele”. Wann immer das Unterbewußtsein nach außen durchbricht, wird die Bewusstseins-Kontinuität gestört und die Antwort kommt aus dem Unbewußten. Das bedeutet, daß der Mensch in diesem Augenblick die Freiheit des Ichs aufhört und ein autonomer Komplex die Kontrolle übernimmt.  Wenn also in einem Gespräch ein bestimmtes Wort fällt, auf welches man plötzlich unangemessen emotional reagiert, so kann man unter Umständen davon ausgehen, daß hier das Unterbewußtsein reagierte; offenbar wurde durch das Wort ein wunder Punkt angesprochen. In der analytischen Psychologie wird eine solche Abweichung des Verhaltens als Komplex bezeichnet, nur sind diese Komplex nicht alle “krank” sondern sie sind geradezubedingend für die seelischen Aktivität.  Komplexe entstehen dadurch, daß fördernde oder hemmende Reaktionen der Umwelt auf die Verhaltensweisen des Menschen wirken und so bestimmte, wertneutrale Bedürfnisse, Verhalten oder Gefühle als angenehm oder unangenehm, als richtig oder falsch erscheinen lassen. Werden Komplexe nicht bewusst gemacht, behalten sie ihre Autonomie, können zur Identifikation des Individuums mit ihnen führen oder werden projiziert.  Die Person, die in diesem Augenblick ein komplexbehaftetes Verhalten zeigt, hat keine Möglichkeit, dieses Verhalten zu unterbinden, da diese Handlung einer Kontrolle unzugänglich ist. Es lassen sich zwei verschiedene Komplexebenen unterscheiden: zum einen Komplexe, die der individuellen Lebensgeschichte entstammen, Komplexe, die der Gruppe, Gesellschaft und Kultur, in der wir leben, sind und durch unseren Sozialisierungsprozess vermittelt werden, zum anderen Komplexe, die allen Menschen gemeinsam sind.  In Jungs Theorie können Komplexe bewusst, teilweise bewusst oder unbewusst,  positiv oder negativ sein, aber im Kern eines jeden Komplexes ist ein universelles Muster der Erfahrung, oder Archetypus (Wishard, 2004). Von welchen emotional aufgeladenen archetypischen Hintergrundbildern aber diese gesteuert wird, das wechselt von Kultur zu Kultur und mit geringerem Pendelausschlag dann auch von Mensch zu Mensch. Wobei ich an dieser Stelle nochmals  ausdrücklich hervorheben will, dass ich Komplexe im Sinne C.G. Jungs nicht als in erster Linie  Krankhaftes betrachte, sondern als natürlichen Knoten oder Muster der menschlichen Psyche in denen sich Archetypen als Kern manifestieren.  Ein weiteres halbes Jahrhundert nach C.G. Jung sind Jungianern allerdings noch im Streit über die Verbindung der Begriffe Archetypus und Komplex, da  die Theorie der Archetypen (wie so vieles andere in Jungschen Theorie) wurde nicht konsequent und klar genug definiert wurden.

    4. Archetypen (per se)

    Archetypen  sind “unanschauliche Strukturen des kollektiven Unbewußten”. (Vergl. Jolandi  Jakobi ) Archetypen per Se sind potentielle Modellvorstellung einer ererbten Struktur und  Symbole sind konkrete manifeste  Representationen von Archetypen per se.  Diese Bilder sind Projektionsträger, welche aus der Umwelt und der Erfahrung des Individuums genommen werden. Jung bezeichnet die Archetypen auch als Formprinzip der Triebkraft oder als Bild der Triebe. Archetypen per Se bilden den “Nucleus” der Komplexe (und der Symbole). C.G. Jung verwendet diese Begriffe oft  Archetypen, Symbole oder Komplexe uneindeutig, nicht aber Archetypen per Se.  Archetypen (an sich) werden als strukturelle Faktoren in den unbewussten, unsichtbaren Kernzusammenelementen und im möglichen Träger der Bedeutung beschrieben. C.G. Jung, betont, dass Archetypen nicht übernommene sondern strukturelle Muster der möglichen Darstellung sind. Wenn sie durch das Licht des bewussten Verstandes berührt werden, können sie im niedrigeren Bewussseinsbereich zu Instinkten und in den höheren Bereichen zu Symbolen werden.  Archetypen (nicht die per se!) können mit den Komplexen gleichgestellt werden, besonders die des persönlichen Unbewussten (wie Schatten) die häufig als Funktionskomplexe bezeichnet werden. Unter den ersten, der eine Hypothese über die Archetypen  formulierte war der griechische Philosoph Plato. Jung hat den Ausdruck von einigen der frühen christlichen Verfasser und  von seinen Alchemiststudien abgeleitet. Das Konzept kann auch bei  Kepler’ ´s Astrolgie gefunden werden und in Teihard de Chardin’ s-Buch ” Das Phänomen vom Menschen.” Mindestens einige von Teihard’ s-Konzepten des reflektierenden Gedankens in Richtung zum Kollektiv können mit der Entwicklung des Archetypus zusammenhängen.  Noch deutlicher sind die Bezüge zu gnostischen Systemen.

    Beispiele für Archetypen sind die in allen Kulturen auftauchenden Vorstellungen von  Dämonen, Fabelwesen, und Teufeln als die Personifikation unbewußter Komplexe. Da komplexbehaftetes Handeln bewusste Lebensmöglichkeiten ausschließt, ist es ein Ziel, diese störenden Handlungsweisen auszuschalten. Der Weg dorthin führt unter anderem über das Erkennen  und Anerkennen. Weiterhin gibt es Archetypen in einer einfachen Bipolarität (konstruktiv oder destruktiv), aber alle im Unbewussten aktivierten archetypischen Bilder nehmen am Erleben und der Bildung bestimmter Verhaltenspattern teil und konstellieren so eine Vielzahl typischer Grundmuster menschlicher Erlebnis- und Verhaltensabläufe.
    Gerade von hier aus werden die Kunst, Klassiker, Film, Mythen und Märchen aber ganz besonders die Bibel wieder so wichtig und interessant. In ihnen hat die kollektive Fantasie ganzer Kulturen, Völker und in bestimmten Abläufen auch die der ganzen Menschheit typische und charakteristische Muster ihrer innerseelischen Erlebnis- und Verhaltensabläufe von Reifungs- und Entwicklungsprozessen und von Konfliktlösungsmöglichkeiten als wiederkehrende Muster dargestellt, die wir auch in jedem alltäglichen Erleben wieder finden und anwenden können.   Heute sind wieder Stimmen in der Überzahl, die der gesamten menschlichen Psyche und damit auch dem Unbewussten durchaus eine genetisch bedingte Vorstrukturierung zuschreiben, und damit indirekt die Konzeption C.G. Jungs bestätigen.

    5. Symbole

    Symbole sind im bewussten Verstand wahrnehmbar und sind in den meisten Fällen eine Representation der Archetypen per se. Offensichtlich gibt es  persönliche  oder kollektive Symbole als Quelle der ganz mythischen, symbolischen und Traumdarstellungen. Entsprechend dem psychologischen Modell von C.G. Jung entstehen die Symbole aus dem kollektiven Unbewußten,   als Kern für der  Menschheitserfahrung und Wissen.  Symbole sind der Kern unserer Kultur. Die die Universalmuster der Mythen sind spirituelle  Symbole und Ideen.

    6. Phänomenologie von Komplexe, Archetypen  und Symbolen

    Komplexe sind unbewusste psychische Inhalte, die durch einen gemeinsamen Bedeutungskern (Archetypus per se)  wie mit einem “Nucleus” miteinander verbunden sind.  Komplexe werden auch als Quellen oder Senken von Energie  bezeichnet, die diese Energie dem bewussten Ego entnehmen oder zur Verfügung stellen.  Komplexe sind im  persönlichen Unbewussten und können vom  kollektive  Unbewußten oder Bewussten kommen. Komplexe können , unbewusst, teilweise bewusst oder sogar bewusst sein und sind  als Kern der unbewussten Gefühle und des Glaubens, nur indirekt, durch Verhalten nachweisbar.  Symbole sind Representation von Archetypen per se  im Bewussten. Der Komplex bezeichnet normalerweise etwas, das nicht wahrnehmbar ist, während das Symbol vom bewussten Verstand wahrnehmbar und zugänglich ist. Aber beide sind um einen Kern des Archetypen per se gebildete Entitäten. Ziemlich aufrichtig ist daher Jolande Jacobi’s  trockene Anmerkung, dass  Komplexe, Archetypen (nicht  die per se) und Symbole  bei C.G. Jung manchmal als Synonyme verwendet werden, bzw die Grenziehung schwierig ist. http://stottilien.com/2012/01/15/complex-archetype-symbol-how-do-they-interrelate/.

    7. Das Ich (Ego)

    Das Ich, ein Funktionskomplex, ist jene zentrale  Instanz der Persönlichkeit, die der Träger  der eigenen Identität ist. Obwohl uns das Ich am vertrautesten ist, ist nichts so schwierig, wie das Ich zu verstehen. Das Ich versucht, sich in dieser Welt zu orientieren; dies geschieht besonders durch vier Hauptfunktionen: Denken und  Fühlen (rationale Funktion) sowie Empfinden und Intuieren (irrationale Funktionen). In der Regel hat ein Individuum nur eine oder zwei Grundfunktionen ausreichend ausgebildet, so daß die Persönlichkeit unausgereift bleiben muß.  Menschen, die besonders äusseren, kollektiven Objekten verhaftet sind, bezeichnen Jung als extrovertierte Menschen. Die gegenteiligen, introvertierten Menschen, bestimmen ihr Verhalten hauptsächlich subjektiv und von innen. Diese Eigenschaften sind kompensatorisch im Hinblick auf das Bewusste und Unbewusste im Menschen. Eine Bewusstseinserweiterung ist immer eine Differenzierung und Ausgestaltung der bisher verkümmerten Funktionen. Im Gegensatz zu den östlichen Religionen ist es in der analytischen Psychologie nicht die Aufgabe, das Ich aufzulösen, sondern alle Persönlichkeitsanteile zu entwickeln und mit dem Selbst zu integrieren.

    8. Die Persona

    Die Persona ein weiterer Funktionskomplex, ist  eine Maske, wie das lateinische Wort schon sagt. Was der Mensch nach außen zeigt, wird seine Persona genannt. Eine gesunde Persona ist für das Leben in der Gesellschaft dringend erforderlich. Die Persona ist jene Instanz der Persönlichkeit, die der Vermittler von Außen-, und Innenwelt und deren Ziel die Adaption ist.  Vielmehr versucht die Persona das innere Weltbild den äußeren Realitäten so gut wie möglich anzupassen, um den Lebensanforderungen in bester möglicher Weise gerecht zu werden. Letztlich ist die. Die Persona und auch das Ich-Bewusstsein sollten in der Lebensmitte (35. -40. Lebensjahr) ausgereift sein.

    9. Der Schatten

    Der Schatten ist einer der wichtigsten Archetypen, und stellt das Gegenstück zum Archetyp der Persona dar und steht daher für die negativen, sozial unerwünschten und daher unterdrückten Züge der Persönlichkeit, für jenen Teil des „Ich“, der wegen gesellschaftsfeindlicher Tendenzen in das Unbewusste abgeschoben wird. Seine Entwicklung beginnt bereits in den ersten Lebensjahren des Menschen infolge der von der Umwelt an das Individuum herangetragenen Anforderungen, Erwartungen, Ge- und Verbote, die nur einen Teil der Persönlichkeit zur Entfaltung kommen lassen. Der Schatten wächst parallel zur Persona, gleichsam als deren „Negativ“. Eine gewisse Parallele besteht zum Freudschen Begriff des Es, das im Gegensatz zu Ich und Überich ebenfalls die unbewussten Teile der Persönlichkeit repräsentiert. Zunächst wird der eigene Schatten gewöhnlich negiert oder aber auf Personen und Objekte außerhalb des eigenen Ichs projiziert. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten, seine Integration in die Gesamtpersönlichkeit, zählt nach Jung indes zu den zentralen Aufgaben des menschlichen Reifeprozesses und stellt den ersten Schritt auf dem Weg zur Ganzwerdung (Individuation) dar.

    10. Die Seele oder das Seelenabbild

    „Seele“ oder Seelenabbild im Sinne von Jung bezeichnet  einen weiteren „abgegrenzten Funktionskomplex“ der Animus und Anima zusammenfasst. Es sind Begriffe , die aus dem Lateinischen abgeleitet sind: lat. Animus = „Seele“, Geist (im Gegensatz zum Körper), Gedächtnis, Mut, Übermut, Selbstvertrauen, Trotz, Unmut Zorn, Gesinnung, Stimmung, Leidenschaft, begehrende Seele, Verlangen, Wunsch, Entschluss, Lust Neigung) und lat. Anima = Lufthauch, Wind, Luft (als Element), Atem, „Seele“, Leben, abgeschiedene Seele. Die Anima symbolisiert unterdrückte, weibliche Handlungsweisen. Der Animus symbolisiert unterdrückte, männliche Eigenschaften, wie Aggression, Mut, Risikobereitschaft, Eigeninitiative, geistige Selbständigkeit. Beide Begriffe verstand Jung als die archetypische innere, unbewusste Persönlichkeit.

    11. Das Selbst

    Das Selbst ist der Geist des Kosmos  und letztlich Gott.  Das Selbst kann sich identifizieren mit Tieren, Kristallen und den Sternen. Es ist der Gott in uns.  Jung fasst das Ich auf “als untergeordnet oder enthalten in einem übergeordneten Selbst als dem Zentrum der ganzen, unbegrenzten und undefinierbaren psychischen Persönlichkeit” (C. G. Jung, “Psychologie und Religion”). ´Das erinnert stark an  Buddhismus und Taoismus. Dieser Archetypus,  das Selbst, sah C.G. Jung (wie Christen) als „psychisches Äquivalent“ des Bild des Gottes: „Die Symbole der Göttlichkeit stimmen mit denen des Selbst überein”: was einerseits als psychologische Erfahrung scheint, psychische Gesamtheit bedeutend und auf der anderen Seite die Idee von Gott darstellt. Änderungen in den Gottbildern, ob im psychischen des Einzelnen oder in der allgemeinen kulturellen Geschichte, verlaufen parallel  zu  Änderungen im menschlichen Bewusstsein und in einer Intensität, dass der Zerstörung des Gott-Bildes die der Aufhebung der menschlichen Persönlichkeit folgt.
    Jungian Psychologie könnte daher auch eigenständiger Partner in der Vermittlung von Buddhismus und Christentum sein ohne Patchwork, New Age oder Esoterik. Allerdings ist Jungs Einwand gegen die Idee des höheren Bewusstseins, wie er sie in östlichen Gedanke sah, daß das (leidende) Ego ohne die Enthüllung des Unbewussten beseitigt wird. Die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt führt aber zur Auflösung des Egos im Unterbewusstein und gerade zur dunklen Seite der Psyche.

    12. Synchronizität

    Ein wichtiger Begriff bei C.G. Jung ist die Synchronizität. Diesem Begriff liegt die Idee zugrunde, dass es nicht nur kausale (Ursache/Wirkung), sondern auch nicht-kausale Zusammenhänge in der Welt gibt. Ereignisse, die gleichzeitig auftreten, müssen sich nicht unbedingt gegenseitig bedingen, sondern können in einem nicht-kausalen Sinnzusammenhang stehen.

    Dieser Gedankengang ist für die Astrologie von großer Bedeutung. Man geht nicht mehr von einem kausalen Einfluss der Sterne auf den Menschen aus, sondern von einer nicht-kausalen Gleichzeitigkeit.

    13. Die Individuation in der ersten Lebenshälfte – Anpassung an die Aussenwelt

    Individuation heißt, zu dem zu werden, der man wirklich ist, und meint einen Differenzierungsprozess, der die Entfaltung aller Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten eines Individuums durch stufenweise Bewusstwerdung und Realisierung des Selbst zum Ziel hat. Es lassen sich zwei große Hauptabschnitte auf dem Weg unterscheiden, die man als Ich-Werdung und Selbst-Werdung bezeichnen könnte.
    Bei der Ich-Werdung liegt der Schwerpunkt auf der Integration der individuellen Persönlichkeit mit der Aussenwelt. Bei der Geburt trennt sich das Ich vom Selbst. Dieser Zustand der Trennung wird im Leben des Menschen zunächst dadurch überwunden, daß er sein Selbst in andere Menschen hineinprojiziert. Sei es beispielsweise den Vater, die Klassenlehrer oder den inferioren „Prominenten“. Das Selbst in seiner vorgeburtlichen Einheit wird bei der Geburt in seine polaren Gegensätze aufgespalten, meist ohne die Aussicht, im Laufe des Lebens auch wieder vollständig integriert zu werden. Denn in seiner Entwicklung ist der Mensch immer gezwungen, sich seiner sozialen Umgebung anzupassen; dies geht oft nur auf Kosten von sehr positiven Anlagen, die aber in der Außenwelt nicht gewürdigt oder toleriert werden. Um seine Entwicklung zu schützen, werden die von außen unerwünschten, aber zum Selbst gehörenden, Anlagen negativ “geladen” und ab diesem Zeitpunkt gemieden und abgewehrt. Im Laufe der Pubertät versuchen die jungen Menschen, sich auf das allgemeine Geschlechtsideal einzustellen. Dabei kommt es zwangsläufig zu einer Ablehnung der geschlechtsfremden Charaktereigenschaften. Im Normalfall werden diese Menschen im Erwachsenenleben die übertrieben geschlechtsspezifischen Handlungen weiterführen, und so einen gegengeschlechtlichen Schatten aufbauen: Die Anima beim Mann und den Animus bei der Frau. Obige Lernvorgänge entsprechen sich bei der Bildung des Schattens.
    Für viele Menschen ist mit der Ich-Verwirklichung das Ende der psychischen Entwicklung erreicht. Das Leben spielt sich nur noch in gesellschaftlich vorgegebenen Bahnen ab, das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung steigert sich. Nur wenige Menschen stellen sich in der Lebensmitte oder danach, meist aufgerüttelt durch eine Krise oder Not, die bange Frage nach dem, wie es jetzt weitergehen soll. Deswegen ist den meisten Menschen das besondere Anliegen Jungs fremd geblieben.  Genauer betrachtet, ist die heutige „Selbstverwirklichung“ bestenfalls eine Ich-Werdung.

    14. Individuation in der zweiten Lebenshälfte – Transzendenz und Religion

    Die Individuation im engeren Sinne, also die Selbst-Werdung und die Frage nach dem Lebenssinn in der zweiten Lebenshälfte sind die eigentlichen Anliegen Jungs. Während dieses Vorgangs wird die bisherige Entwicklung der Psyche weitergeführt, wenn auch mit einem umgekehrten Vorzeichen: Es geht nicht mehr darum, mehr und mehr eigene Wesensarten auszuschließen, damit man der Umwelt angenehm ist, es geht vielmehr darum, diesen Vorgang wieder rückgängig zu machen. Das Ich setzt sich nun mit all den ehemals unterdrückten Persönlichkeitsmerkmalen auseinander und versucht sie wieder mit dem Selbst zu integrieren. Dies bedeutet im Einzelnen: Bewußt machen unbewußter Komplexe, als erstes Auseinandersetzung mit der dem eigenen Schatten und in der zweiten Etappe die Herstellung einer Beziehung zum Seelenabbild  (Animus/Anima). Das große Problem dabei ist folgendes: Die Bewusstmachung erzeugt nun gerade jene Konflikte, die man durch ihr Unbewussthalten zu vermeiden versucht hatte. Das Ich-Bewusstsein geht vorher den leidvollen Weg der Differenzierung zwischen den Polaritäten der Psyche. Nun ist es sich der Gegensätze im Leben voll bewusst. Deshalb können die mit einer Individuation auftretenden Leiden nicht vermieden werden. Der Mensch muß die Spannung so lange aushalten, bis eine Vereinigung der Polaritäten auf höherer Ebene möglich wird.  Ziel ist es, die innere Mitte zu finden, einen von Konflikten der Gegensätze unberührte Region der Stille. Dieser Zustand hat etwas religiöses, aber findet seinen Ausdruck in schlichten, einfachen Worten: Heitere Gelassenheit, Frieden mit sich selbst, in sich ruhen können, das Leben so nehmen, wie es ist. Das Einlassen auf den Individuationsprozess vermittelt dem Suchenden einen Lebenssinn und Lebensfülle und Hinwendung zu Transzendenz und Religion.

    15. Jung und die Religion
    Gerhard Wehr zufolge, einem wichtigen Biographen Jungs, habe auch Jung seinen Weg zu Christus gefunden. Dies sei nicht über den Weg der institutionellen Kirche geschehen, sondern über den inneren Weg. Inspiriert vom Erlebnis des Paulus suchte und fand Jung den Zugang zum inneren Christus.  Manche Gesichtspunkte in Bezug auf die Religion habe ich bereits oben erwähnt und ich versuche hier, die noch nicht genannten Punkte darzustellen. Unter Religion versteht Jung selber das „Numinosum“ genannt, nämlich eine dynamische Existenz oder Wirkung, die nicht von einem Willkürakt verursacht wird.“ Die Ursache dieser Wirkung ist ausserhalb des Individuums einzuordnen, sie entspringt also nicht der Phantasie oder Vorstellungskraft des einzelnen. Mit dieser Wirkung verändert sich das Bewusstsein des Menschen: „Man könnte also sagen, der Ausdruck „Religion“ bezeichne die besondere Einstellung eines Bewusstseins, welches durch die Erfahrung des Numinosum verändert worden ist.“ C.G. Jung, Psychologie und Religion.
    Alles der menschlichen Psyche entstammende qualifiziert Jung als seelisch wahr. Die Seele ist ein autonomer Faktor, und die Aussagen daraus begründen ihre Existenz auf unbewussten, also transzendentalen Vorgängen. Dies gilt auch für religiöse Aussagen und es ist für Ihn evident, dass die Psyche eine religiöse Funktion besitzt. C.G. Jung gebraucht den Begriff „transzendental“ im Sinne der Herkunft aus dem Unbewussten; er ist nicht zu verwechseln mit eine theologischen Transzendenzbegriff.
    Jungbegründet das empirisch: „Nicht ich habe der Seele eine religiöse Funktion angedichtet, sondern ich habe die Tatsachen vorgelegt, welche beweisen, dass die Seele ‚naturaliter religiosa‘ ist, das heisst eine religiöse Funktion besitzt: eine Funktion, die ich nicht hineingelegt oder -gedeutet habe, sondern die sie selbst von sich aus produziert, ohne durch irgendwelche Meinungen oder Suggestionen dazu veranlasst zu sein“. Vielfach ist es für den einzelnen schwierig den Zugang zu dieser inneren Funktion zu finden und so sieht es Jung mitunter als die Aufgabe der Psychologie, dem Menschen diesen Zugang zu öffnen. Für Jung ist die religiöse Funktion der Seele darum von Wichtigkeit, weil sie einen wichtigen Teil dazu beiträgt, die seelische Ganzheit im Selbst bei der Individuation zu finden.

    16. Jung und der Gottesbegriff
    „Diejenige psychologische Tatsache, welche die grösste Macht in einem Menschen besitzt, wirkt als ‚Gott‘, weil es immer der überwältigende psychische Faktor ist, der ‚Gott‘ genannt wird.“ Der Gottesbegriff ist von Jung psychologisch gefasst und gewollt, er bezeichnet eine psychische Wirkung, die empirisch feststellbar ist.
    Überall auf der Welt, in der Vergangenheitwie auch heute, wird diese Kraft erfahren, sie ist nicht ein Produkt der Phantasie, sie wird als fremd und übermächtig erlebt. Dies kann somit als Ausdruck einer transzendenten Wirkung qualifiziert werden. Jung bringt diese Transzendenz mit dem Begriff des kollektiven Unbewussten in Verbindung, dessen Archetypen ja auch den einer höheren Macht beinhalten. Er will keine metaphysischen Erklärungen abgeben, sondern beschränkt sich auf die Aussagen der Seele des Menschen mit ihren Symbolen und Bildern. Dennoch will er das Gottesbild nicht als rein psychisch abtun: „Das Gottesbild ist keine Erfindung, sondern ein Erlebnis, das sua sponte (freiwillig) den Menschen antritt.“ Durch rationales Denken distanzierte er sich von den Symbolen, die den Menschen und die Religion miteinander verbanden. Aber viele leben deshalb mit einem rigiden Glauben, mit dem es nicht möglich ist, eine wahre Beziehung zur Religion über den Glauben zu finden. Es bleibt nur der Weg nach innen, wie in die Mystiker aber auch die Gnostiker empfehlen. Deshalb ist die innere  Erfahrung für Jung grundsätzlich, denn sie hat damit zu tun „dass ein (innerer) Weg der Wahrnehmung, des Ergreifens und des Ergriffenwerdens beschritten wird“. Religiöse Erfahrung ist das Wichtigste, sie ist absolut, sie ist Grundlage jedes lebendigen Glaubens. Sie ist tiefgreifend und erschütternd. Sie ist diejenige Erfahrung, die durch die höchste Wertschätzung charakterisiert ist. Jung sieht den Zweck der Konfessionen darin, „unmittelbare Erfahrung zu ersetzen durch eine Auswahl passender Symbole, die in ein fest organisiertes Dogma und Ritual eingekleidet sind“. Theologie ist ja nur die intellektuelle Verpackung des Glaubens. Die gelehrten Dogmen sind daher nicht nur inhaltslose Lehren, denn auch sie basieren auf unmittelbaren religiösen Erfahrungen. Es gilt,den Äusseren Bezug der verkündeten Lehren, den äussern Gott, in sich selbst (wieder) zu entdecken d.h. die ursprünglichen religiösen Erfahrungen wieder aufleben zu lassen. Religion soll nicht als etwas aussenstehendes betrachtet werden, man muss erkennen, das wahre Religion nur im Menschen selbst gelebt werden kann. Denn „Religion (…) ist Erfahrung der eigenen Seele“. Jung verweist auf Paulus (dessen Erlebnis von Damaskus sein (Jungs) ganzes Leben begleiten und inspirieren sollte) , der sagt: „Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“. (Galater 2,20a). Siese steht im Gegensatz zu östlichen Religionen, dessen Ziel der Erleuchtung es letztlich ist (wie) Gott zu werden.  Seine eigenen Aussagen bezüglich der Selbsterfahrung, des inneren Gottes und des Zugangs zum Unbewussten mit seinen Archetypen findet er in nucht christlichen Religionen   aber wieder  und zieht Parallelen. Er warnt den westlichen Menschen aber auch ausdrücklich davor, östliche Weisheiten einfach zu übernehmen und in seine Leben integrieren zu wollen. Denn nach seiner Meinung sind die meisten Menschen hier nach wie vor stark in der christlichen Tradition verwurzelt und er rät, eigene, der westlichen Lebensart angepasste Wege zu finden.

    Quellen:

    C. G. Jung Gesamtausgabe, Walter-Verlag Olten, 1972,

    Die Psychologie von C. G. Jung,  Jolande Jacobi, Walter-Verlag Olten 1971

    Complex/Archetype/Symbol in the Psychology of C.G. Jung ,Jolande Jacobi, Bollingen Series, 1959

    Der Mensch und seine Symbole, C. G. Jung, Jolande Jacobi, Walter-Verlag Olten, 1972

    Mensch und Seele, Jolande Jacobi, Walter-Verlag Olten, 1971

     Symbole der Wandlung C. G. Jung, Jolande Jacobi, …, Walter-Verlag Olten, 1962

    Complex/Archetype/Symbol in the Psychology of C.G. Jung,  Bollingen Series, 1959

    C. G. Jung Das Rote Buch, Patmos-Verlag Olten, 2010