Tag: Spiritual

  • Der Sinn des Kreuzweges nach C. G. Jung

    Der Sinn des Kreuzweges nach C. G. Jung

    Karwoche 2012

    Das Beten des Kreuzweges in der  Fastenzeit  hat den Sinn, dass wir uns an das Leiden von Jesus erinnern,aber auch an unsere Vergänglichkeit im irdischen und unsere Wiederauferstehung. Durch seinen Tod am Kreuz hat Jesus uns Leben geschenkt!  Darum singen wir in der Kirche oft den Vers:

    “Im Kreuz ist das Heil, im Kreuz ist das Leben, im Kreuz ist die Hoffnung.”

    Im Kreuzweg Jesu erkennen wir aber auch unser eigenes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Da gibt es Stationen der Krankheit, Enttäuschung oder gar des Todes, es gibt aber wohl auch welche des Glücks, wo uns Menschen  begegnen, die uns lieben und uns helfen in ihrer Liebe, Stationen der Freundschaft.Der Kreuzweg ist eine alte Form der Nachahmung, des Nacherlebens eines wichtigen Heilsereignisses der christlichen Religion: des Leidens und Sterbens Jesu Christi. Entstanden ist er in Jerusalem, an den ursprünglichen Orten, die gläubig, leidend, feiernd nachgegangen wurden. Später fand er in Europa Eingang und schmückt schon seit Jahrhunderten römisch-katholische Sakralräume.
    Er ist allerdings nicht nur Bildwerk, sondern auch Entwicklungsweg. Hier der „Werdeweg des Gottessohnes zum Tode“. gespeist aus einer Bilderwelt, welche Bibel und Tradition mit einbezog und auf den Menschen selbst verweist.
    Die Wirklichkeit des Gottessohnes ist der Mensch; die Wirklichkeit der Seele und der Leib mit Empfindungs- und Erlebnisfähigkeit; die Wirklichkeit des Jenseits ist der Ewigkeitscharakter alles Zeitlichen; die Wirklichkeit der Erlösung ist das innere Wissen um den Sieg über „Tod und Teufel“, das heißt, über alles Ungute und Vergängliche.
    Diesen „Wirklichkeiten“ folgt auch der hier dargestellte Symbolik der traditionellen 14 Stationen  als Geburt und Werdeweg des Gottessohnes dar. Wobei das Leiden und Sterben des historischen Jesus von Nazareth, als Grundmuster für den gesamten menschlichen Lebensweg nach C.G.Jung gesehen wird.
    Der Zyklus folgt einer Zweiteilung: Die ersten sieben Bilder stellen das Werden des Menschen in der ersten Lebenshälfte bis zur Reife und vollen Handlungsfähigkeit in der Welt dar, bis zur Ausbildung der Persona.  Die zweiten sieben Bilder die Entwicklung in der zweiten Lebenshälfte bis zur geistigen Reife und Vorbereitung auf den Tod, die Individuation und Entwicklung zu Ganzheit.

    Beide Reihen (1 – 7 und 8 – 14) Stellen das Thema auf jeweils ihrer Ebene dar und sind in Bezug zueinander lesbar.

    Jesus wird zum Tod verurteiltEntscheidungAnfangJesus begegnet den weinenden Frauen.
    Jesus nimmt das Kreuz auf seine SchulternAnnahmeVerwirklichungJesus fällt zum 3. Mal unter dem Kreuz.
    Jesus fällt zum 1. Mal unter dem Kreuz.UnsicherheitAusgeliefertseinJesus wird seiner Kleider beraubt.
    Jesus begegnet seiner Mutter, Maria

    Begegnung mit  dem Gegengeschlechtlichen

    Ausbildung <- Anima/Animus -> Bewusstwerdung

    Jesus wird an das Kreuz genagelt.
    Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.

    Anpassung <– Äussere Welt –> Entsagung

    Ausbildung <-Persona/Schatten->Bewusstwerdung

    Jesus stirbt am Kreuz.
    Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.

    Diesseits/Triebe<-Innere Welt->Geistig/Jenseits

    Ichwerdung <———> Selbstwerdung

    Jesus wird vom Kreuz abgenommen.
    Jesus fällt zum 2. Mal unter dem Kreuz.EigenständigkeitGanzheitJesus wird ins Grab gelegt. Auferstehung.

    1.Station

    Jesus wird zum Tode verurteilt. Ganz am Beginne eines jeglichen Lebensprozesses steht ein Gericht . Im traditionellen Kreuzweg ist dies das Leben Jesus Christi als Gottessohn und die damit zusammenhängende Herausforderung der bestehenden religiösen Machtverhältnisse.
    Nach christlicher Anschauung ist es Gott, der jedem Menschen seine Möglichkeiten im Leben, in der Gesellschaft, der Kultur, der Familie zuordnet, und die Freiheit des Willens. Anhänger der asiatischen Religionen, sehen den Beginn des neuen Lebens als Ende des alten an und betrachten den Platz, der im Leben eingenommen wird als Resultat (Gericht) des vorhergegangenen.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus und benedeiten dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze Welt erlöst.

    V :  Der unschuldige Jesus, der niemals ein Unrecht getan, wird zum Tode verurteilt, und zwar zum schmählichsten Tode am Kreuze.

    Damit Pilatus für einen Freund des Kaisers gehalten werde, übergibt er Jesus der Willkür seiner Feinde.

    Welch schreckliches Verbrechen: die Unschuld zum Tode verdammen und Gott mißfallen, damit man den Menschen gefalle (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten.

    A :  Unschuldiger Jesus! / Ich habe gesündigt, / Ich habe den ewigen Tod verschuldet./ Damit aber ich lebe, / nimmst du das Todesurteil willig an. / Wie soll ich in Zukunft leben dürfen, / wenn nicht für dich allein? / Solange ich aber den Menschen zu gefallen suche, / kann ich dein Diener nicht sein. / Lieber will ich also den Menschen / und der Welt mißfallen, / damit ich dir allein gefallen möge. / Amen.

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus !

    A : Erbarme dich unser

    2.Station

    Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schulter.Das Kreuz als Sinnbild des Lebens, der eigentlichen Lebensaufgaben, die nur dann sinnvoll angegangen werden können, wenn sie – trotz aller Hindernisse – angenommen werden .

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Als Jesus das Kreuz erblickte, hat er nach ihm mit großen Verlangen seine blutenden Arme ausgestreckt, hat es innig umfangen, herzlich geküßt und auf seine verwundeten Schultern gelegt. Obwohl er todschwach war, hat er dennoch frohlockt und ist wahrhaft groß seinen Weg gegangen.(wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Werde ich wohl ein Freund Jesu Christi sein können, / wenn ich ein Feind des Kreuzes bin? / Du lichtes und gutes Kreuz! / Ich umfange dich, / ich nehme dich von der Hand Gottes an. / Es sei ferne von mir, / daß ich mich in anderem rühme/ als im Kreuze./ Durch dieses soll mir die Welt / und ich der Welt gekreuzigt sein./ Dann werde ich allein dein sein, / o Jesus. / Amen.

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    3.Station

    Jesus fällt zum erstenmal unter dem Kreuze. Wohinein auch immer die Geburt geführt hat, in körperliche Gesundheit, körperliche Behinderung, in Armut- oder Überfluss, die erste Beziehung ist die zur Familie.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Als der liebe Heiland das schwere Kreuz auf seinen Schultern trug, wurde er durch dessen Schwere zu Boden gedrückt und tat einen schmerzlichen Fall. Unsere Sünden und Missetaten haben sich wie eine schwere Last auf Ihn gehäuft und ihn zu Boden gedrückt. Seine Liebe zu uns hätte ihm ja sonst das Kreuz zu einer leichten und süßen Bürde gemacht.(wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Mein Jesus! / Du hast meine Bürde auf dich genommen / und die schwere Last meiner Sünden getragen, / Auch ich will dein Joch auf mich nehmen, / damit wir, / einer des anderen Last tragend, / das Gesetz erfüllen./ Dein Joch ist süß / und deine Bürde ist leicht./ Darum trage ich sie gerne / und nehme auch willig mein Kreuz auf mich / und folge dir nach / Amen.

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    4.Station

    Jesus begegnet seiner tiefbetrübten Mutter. Die erste Hauptperson ist in der Regel die Mutter. An dieser Beziehung, der Liebe richtet sich das Menschenkind auf (oder sinkt herab, wenn es der derer mangelt).

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Was für ein schmerzlicher Anblick muß es gewesen sein, als die betrübliche Mutter Maria ihren geliebten Sohn Jesus das schwere Kreuz daher tragen sah! Welch unaussprechliche Schmerzen wird sie in ihrem Mutterherzen empfunden haben! Sie verlangte für Jesus oder mit Jesus zu sterben. Bitte die schmerzhafte Mutter, daß sie auch dir bei deinem Hinscheiden gütig begegnen wolle. (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Jesus! Maria! / Ihr betrübten Herzen! / Ich bin die Ursache eurer so bitteren Schmerzen. / Laßt auch mein Herz / mit Schmerzen erfüllt werden. / Du schmerzhafte Mutter, / teile mit mir deine Schmerzen / und lass mich dein Herzleid empfinden, / damit ich mit dir trauere / und du mir zuhilfe kommest / in letzter Not, / im Tode / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    5.Station

    Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen. Der „Vater“ als Sinnbild für die inneren Werte, äussere Normen und Ziele verstanden (eben als der „Vater“ Christi – des Gottessohnes – “seht ihr mich seht Ihr Gott”), die im Innern, hier im Herzen, tragen und formen. Der Vater im «Himmel» – der normative Aspekt des Göttlichen.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Simon von Cyrene wird gezwungen, dem todschwachen Jesus das Kreuz tragen zu helfen. Jesus nimmt ihn als Weggefährten und Gehilfen des Kreuzes an. Wie gerne nehme er auch dich mit, wenn du nur wolltest. es ruft dich er ladet dich ein: Nimm dein kreuz auf dich und folge mir nach! Weigerst du dich ? schäme dich, wen du dein Kreuz nur gezwungen trägst! (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Mein Jesus! / Du hast gesagt: / Wer sein Kreuz nicht trägt / und mir nicht nach folgt, / ist meiner nicht wert. / Damit ich deiner würdig werde, /will ich dir das Kreuz tragen helfen./ Auf dem Kreuzweg will ich dir / ein Gefährte und Gehilfe sein. / In deine blutigen Fußstapfen / will ich eintreten / und dir nachfolgen, / damit ich zu dir gelange in das ewige Leben. / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    6.Station

    Veronika reicht Jesus das Schweißtuch dar. Die Zeit der sexuellen Reife, die Auseinandersetzung mit den eigenen Triebkräften , und den Menschen aus dem sozialen Umfeld. Hierzu gehört auch das Geben (Tuch) und Nehmen, ebenso wie das achten auf die Bedürfnisse des anderen (Schweiß) Aber  nicht nur körperliche Zeugungskräfte, sondern auch Gestaltungskräfte sind, die im seelischen Bereich als Kreativität erlebt wird.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Veronika reicht Jesus aus Mitleid den Schleier ihres Hauptes als Schweißtuch dar, damit er sein todbleiches, mißhandeltes Antlitz abtrockne; er aber hat ins Schweißtuch das Bildnis seines Hochheiligen Angesichts eingedrückt. Ein kleiner Dienst, eine große Belohnung! Welchen Dienst und Dank erstattest du deinem Heiland für so große Wohltaten? (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Mein Jesus! / Was soll ich dir vergelten für alles, 7 und du mir und für mich getan hast? / Ich übergebe mich dir ganz / zu deinen Dienste, / die opfere ich mein Herz; / drücke dein Bildnis tief ein, /damit es in mir immer ausgelöscht werde in Ewigkeit./ Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    7.Station

    Jesus fällt zum zweiten mal unter dem Kreuze. Der aus der inneren Wandlung und Reifung gewordene  Mann schaut auf das, was Anlage in ihm schlummert – so er die Reife dazu hat.  Wenn nicht,dann wäre der Kreuzweg (nach Freud) hier zu Ende. Dann wäre der Gottessohn wiederholt gefallen – bestenfalls erfolgreich im Beruf und in der Partnerschaft aber ohne Bezug zur Transzendenz.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Jesus liegt in seinen Schmerzen abermals unter dem Kreuze zu Boden und mit seinem heiligsten Angesichte auf der Erde. Dennoch wird ihm von den unbarmherzigen Henkersknechten nicht ein Augenblick der Ruhe vergönnt; er wird mit Schlägen aufgetrieben und mit Stricken fortgezogen. So bedrücken Jesus meine immer wiederholten Sünden. Das sehe ich, und ich sollte noch Lust haben weiter zu sündigen? (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Jesus! / Erbarme dich meiner! / Reiche mir deine barmherzige Hand und unterstütze mich, /damit ich nicht mehr in die alten Sünden falle./ Ich habe gesagt / und nun soll mit allen Ernste / der Anfang gemacht werden./ Nimmer mehr will ich sündigen./ Stärke mich o Jesus, / mit deiner Gnade / ohne die ich nichts vermag, / damit ich meinen Vorsatz unverbrüchlich halte. / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    8.Station

    Jesus tröstet die weinenden Frauen. Der Weg nach innen, ist der Weg des  Absteigens in die Welt des Unbewussten und die Auseinandersetzung mit den dort waltenden Kräften. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, des eigenen Schicksals, der eigenen Aufgabe.  Aus der Vergangenheit kommen die Impulse und Verstrickungen, die die Gegenwart gestalten und so wie diese erlebt und in dieser gehandelt wird, entstehtdie Auseinandersetzung mit dem „Schatten“ und Anima. Aus der eigenen Seelenlandschaft) aus der wieder neue Ereignisse entsteht  eine neue Gegenwart, in der wieder entschieden und gehandelt wird hat mit dem Selbst und wenig mit den anderen zu tun. Hier beginnt ein neuer Zyklus.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Die frommen Frauen weinen über den leidenden Heiland . Er aber wendet sich zu ihnen und sagt ; Weinet nicht über mich sondern über euch und eure Kinder; über die begangenen Sünden weinet, weil sie ja Schuld sind an meinem Leid. So weine denn auch Du meine Seele : Es ist Christus nichts lieber und dir nichts nützlicher als die Tränen der Reue über deine Sünden.(wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Mein Jesus! / Mit dem Propheten möchte ich sagen: / Wer wird meinem Haupte Wasser / und meinen Augen Tränen geben, / damit ich bei Tag und Nacht / meine Sünden beweine? / Ich bitte dich / bei deinen bitteren und blutigen Tränen, / gib mir die Gnade wahrer Reue./ Erschüttere mein Herz, / daß ich immerdar dein Leiden / und meine Sünden Beklage! / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    9.Station

    Jesus fällt zum dritten mal unter dem Kreuze.Jedem fällt sehr schnell auf, was der „Andere“ ändern kann und sollte – im eigenen Verhalten fällt
    diese Wahrnehmung mehr als schwer. Werden die (eigenen Verhaltens-) Muster erkannt, dann steht die Entscheidung zum «Verweilen» oder zum «Verändern» an. Allerdings ist diese Entscheidung nicht nur einmal und auch nicht so einfach. Denn die eigenen Muster erlauben dem Ich eine Anpassung and die Aussenwelt und sind aus der Entwicklung der Persona hervorgegangen. Das zu ändern entsteht erst aus einem Leidensdruck (Krankheit,neue Umwelt, Veränderung der sozialen Struktur) heraus, und ist angstbesetzt.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Als der abgemattete Jesus mit dem Kreuze am Fuße des Kalvarienberges angelangt war, ist er abermals zu Boden gefallen. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn er sein heiliges Haupt ganz und gar zerschlagen hätte. Seine Liebe aber ermattet nicht. Was muss es doch für eine entsetzliche Last um die Sünden sein! Jesus drücken sie oft zu Boden und mich hätten sie schon längst in die Hölle hinab gestürzt, wenn mich nicht die Verdienste des Leidens Christi gehalten hätten. (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Barmherziger Herr Jesus! / Dir sei unendlicher Dank gesagt, daß du mich nicht in Sünden hast sterben lassen. / und in den Abgrund der Hölle hast fallen lassen. / Ich hätte es wohl verdient./ Entzünde in mir / einen neuen Eifer zum Guten / und erhalte mich beständig in deiner Gnade, / damit ich nimmer in Sünden falle, / sondern in Guten standhaft verharre, / Amen.

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    10.Station

    Jesus wird seiner Kleider beraubt.Im traditionellen Kreuzweg würfeln hier die Söldner um die Kleidung der Todeskandidaten.
    Beim genaueren Wahrnehmung der eigenen Wesenstrukturen, werden auch viele Charakterzüge der Persona  als „angezogen“ und „übergestülpte Maske“ wahrgenommen, die „ausgezogen“ werden können. Das Würfeln ist eine Form des „Orakeln“ – dem Überlassen der Ereignisse an die nicht wahrnehmbaren Schicksalsmächte – das heute als Tarotkarten, Sternstellung oder auch als I Ging Befragung, vielen Menschen hilft, die äußeren „Hüllen“ (Sichtweisen) abzulegen und sich mit dem
    Eigentlichen (der inneren seelischen Landschaft und deren Muster) auseinanderzusetzen. Das Loslassen – entkleiden – der angepassten und eingeübten Verhaltensformen, der „Persönlichkeit“(Persona = Maske des Schauspielers im griechischen Theater) und die Aufnahme mit den wirklich
    schaffenden Kräften im persönlichen und unpersönlichen Unbewussten ist die Aussage dieser Station.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Es werdendem Heiland die Kleider ausgezogen oder vielmehr hinweg gerissen. Welch ein Schmerz! Mit den Kleider die tief in die blutenden Wunden eingedrungen waren, wird auch die anklebende Haut weggerissen. So fangen alle Wunden von neuem zu bluten an. Die Kleider werden ihm ausgezogen, damit er nackt und bloß sterbe. Wie gut würde auch ich sterben, wenn ich den alten Menschen mit seiner bösen Neigung und Begierden ausgezogen hätte! (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Ja mein Jesus! / ich will den alten Menschen ausziehen / und einen neuen Menschen anziehen, / der nach deinem Wohlgefallen, / nach deinem Wusch und Willen ist. / Sollte es auch meiner sinnlichen Natur noch so schwer werden, / so will ich doch meinen Leib nicht schonen, / Aller Eitelkeit der Welt entblößt, / verlange ich zu sterben, / damit ich mit dir ewig lebe. / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    11.Station

    Jesus wird ans Kreuz genagelt.Auseinandersetzung  mit dem Gegengeschlechtlichen.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Jesus seiner Kleider beraubt, wird nun auf dem Kreuz grausam ausgestreckt und mit Händen und Füßen angenagelt. Ein unbeschreiblicher Schmerz. Jesus schweigt, weil es der Wille des himmlischen Vaters ist; er trägt es mit Geduld, weil er mir zuliebe leidet. Meine Seele! Wie verhältst du dich im Leid; welche Ungeduld zeigst du, welche Klagen führst du! (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Geduldiger Jesus! / ich verabscheue und verwerfe meine Ungeduld. / Ja, Herr, / nimm mich mit meinen Begierlichkeiten und Lastern / an dein Kreuz hinauf! / Ich strecke meine Arme aus / und ergebe mich dir willig. / In allem geschehe dein heiliger Wille. / Nur deine Gnade gib mir, / und ich verlange nichts weiter. / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    12.Station

    Jesus wird erhöht und stirbt am Kreuze. Bewusstwerdung und Integration von Schatten und Seelenkomplexen in das Bewusste ergibt das Ganzwerden im Selbst und das Annehmen des Bösen in sich. Im Buddhismus, entspricht das der  Auflösung des Ich.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Sieh Jesus am Kreuz an! Da hängt er nackt und bloß. Schau auf die Wunden, die er aus Liebe zu dir empfangen hat! Die ganze Gestalt des Gekreuzigten ist ein Bild der Liebe; Das Haupt ist geneigt, das Herz ist geöffnet, die Arme sind ausgespannt, jede Wunde ist ein Unterpfand seiner Erlöserliebe, Welche Liebe! Jesus Stirbt damit der Sünder lebe und vom ewigen Tode erlöst werde (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Mein Jesus, was wäre das für eine Gnade, / wenn ich aus Liebe zu dir sterben könnte! / Laß mich wenigstens / den Eitelkeiten der Welt absterben / und nur deiner Liebe leben! / Wie wird mir die Welt / mit ihren Nichtigkeiten verleidet, / wenn ich dich nackt und bloß / am Kreuze hängen sehe. / Nimm mich / o Jesus, / in dein durchbohrtes Herz hinein ! / Dir gehöre ich ganz und gar. / Nur dir will ich leben und sterben. / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    13.Station

    Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß Maria gelegt.Wenn wir aufhören selbstbestimmt sein zu wollen, alles aus der Kraft des bewussten Erlebens und der bewussten Wahrnehmung tun zu wollen, sondern unseren Standpunkt verlagern, mit dem „Kopf nach unten“ in Bereichen hineinzureichen die wir ansonsten meiden und vielleicht auch verleugnen, kommen wir in einem Zustand den das Bewusstsein als zerstörend empfindet, als „tödlich“. Die Seele setzt sich dabei Kräften aus, die von der Ratio aus nicht mehr nachvollziehbar oder gar bestimmbar sind. Jede Traumsuche, jede schamanische Reise, Individuation nach C-G.Jung oder tiefere Meditation führt aus der lichten Welt des Bewusstsein hinaus in „unbewusste Welten“, die in Wirklich nicht tot oder zerstörend sind, sondern das Selbst ohne Zürnen und ohne Zagen;

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Am Kreuze hatte Jesus ausgehalten bis ans Ende. Jetzt wird er vom Kreuze abgenommen und will nun wie im Leben so auch Tod im jungfreulichen Schoße Mariens, seiner Mutter, kriegen. Sei beständig im guten und laß nicht vom Kreuze! Wer ausharrt bis ans Ende, der wird selig. Bedenke, wie rein jenes Herz sein soll, in das der hochheilige Fronleichnam Jesu Christi im allerheiligsten Sakrament des Altares aufgenommen wird. (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :   Mein Jesus! / Ich bitte dich demütig: / Halte mich fest an deinem heiligen Kreuz, / ich will daran leben und sterben. / Erschaffe in mir ein reines Herz, / damit ich in der heiligen Kommunion / deinen allerheiligsten Leib würdig empfange. / Bleibe du in mir / und laß mich nimmermehr von dir geschieden werden. / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

    14.Station

    Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt. Aus dem was wir zulassen – aus den „unbekannten“ Bereichen unseres Wesens – wird das Neue  entstehen können, was durch bewusstes lernen und studieren nie entstehen kann. Veränderungen entstehen durch Loslassen (der bewussten Handlungsmuster). Annahme (der vitalen Kräfte der Seele) und der Verwirklichung des in uns angelegten. Die «Individuation» (C.G. Jung), oder «Gottsohnschaft»: «Geantwortet hat ihnen Jesus: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: «Ich habe gesprochen: Götter seid ihr?» – ist etwas von Gott gewolltes und erstrebenswertes.

    V : Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und benedeien dich,

    A : denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze heilige Welt erlöst.

    V :  Der Leichnam Jesu wird in ein fremdes Grab gelegt. Der Herr hatte am Kreuze nichts, wohin er sein heiligstes Haupt legen konnte. Er hat auch kein eigenes Grab, weil er eben von dieser Welt nicht war. Du hängst so stark an dieser Welt. Bist du denn von dieser Welt? Verachte die Welt, damit du nicht mit ihr zugrunde gehest! (wird still gebetet)

    V : Lasset uns beten

    A :  Du hast mich erschaffen für den Himmel, / was soll ich denn von dieser Welt noch erwarten? / Auf dem Kreuzwege, / denn mir dein Heiland und Erlöser / mit seinen Fußstapfen gebahnt hat, / will ich meinem Vaterlande, / den Himmel , zuwandern. / Dort soll meine Wohnung / und meine Ruhe sein in Ewigkeit . / Amen

    V : Gekreuzigter Herr Jesus Christus

    A : Erbarme dich unser

     Aufopferung

    Gütigster Herr Jesus Christus!, Ich sage dir innigen Dank für die großé Barmherzigkeit, die du mir auf diesem Kreuzweg erwiesen hast.

    Ich opfere ihn dir auf zur Verehrung deines bitteren Leidens und Sterbens, zur Verzeihung meiner Sünden und zur Nachlassung der verdienten Strafen, zur Hilfe und zum Troste der armen Seelen im Fegefeuer. Endlich bitte ich dich demütig, o Jesus, laß dein heiliges Blut, dein bitteres Leiden und Sterben an meiner armen Seele nicht verloren sein. Amen.

    Ganz am Beginne eines jeglichen Lebensprozesses steht eine Gericht = ein Beschluss der etwas richtet, ausrichtet, und dabei auf einen anderen Lebensprozess aufbaut. Im traditionellen Kreuzweg ist dies das Leben Jesus Christi als Gottessohn und die damit zusammenhängende Herausforderung der bestehenden religiösen Machtverhältnisse. Denk weiter.
    Nach traditioneller christlicher Anschauung ist es Gott, der jedem Menschen seinen Platz im Leben,
    in der Gesellschaft, der Zeit, der Familie (usw) zuordnet, zurichtet. Anhänger der asiatischen
    Religionen, sehen den Beginn des neuen Lebens als Ende des alten an und betrachten den Platz, der
    im Leben eingenommen wird als Resultat (Gericht) des vorhergegangenen.

  • Religiöse und psycholanalytische Sicht von Trinität und Quaternität

    Religiöse und psycholanalytische Sicht von Trinität und Quaternität

    Dass das Christentum, seine Institutionen und viele theologische Deutungs- und Reflexionsmodelle keineswegs originär, sondern vorchristlicher und außerchristlicher Herkunft sind, bedeutet keineswegs eine Wertminderung der christlichen Religion. Religiöse und psycholanalytische Sicht von Trinität und Quaternität findet man in allen Religionen, Wenn man genauer hinsieht muss man das Christentum in den ersten Jahrhunderten bis zum ersten Jahrtausend insbesondere in Asien und Nahost ja wesentlich weiter fassen, als dies das die europäische (römisch katholische) und  die bzantinische (orthodoxe) Staatskirche erlaubte und überlieferte. Das Unternehmen von C. G. Jung löst jedoch Missbehagen aus: Was hat die Psychologie bei Glaubenswahrheiten zu suchen?

    Die vorchristlichen Trinitäten

    Vorchristliche Parallelen des religionsgeschichtlichenArchetypus der Göttertriaden finden sich in Babylonien, (Sin, Schamasch und Ischtar), der ägyptischen Königstheologie (Osiris, Isis, und Horus) mit Vatergott Re und seinem Sohn dem Pharao sowie in Platons Spekulationen (Timaios). In der alexandrinischen Philosophie des letzten vorchristlichen Jahrhunderts, die aus der Verbindung platonischer und jüdischer Lehren entstand, treten zwei andere göttliche Gestalten zu Jahwe: Logos und Sophia, welche mit Gott eine Trias bilden. Der Islam hingegen verurteilt sowohl die Trinitätslehre als auch die Anbetung Jesu und seiner Mutter Maria.

    Die christliche Trinitätslehre

    Betrachten wir die Bibel im Blick auf die Dreieinigkeit Gottes, so ist zunächst festzustellen, dass sich der Begriff “Dreieinigkeit” oder “Trinität” nirgends findet. Der Begriff wurde vermutlich erst von Theophilus von Antiochia um 180 n. Chr. geprägt. und von Tertullian bald darauf ausgestaltet. Dass der Begriff nicht vorkommt, schließt aber keineswegs aus, dass die Sache, die der Begriff zusammenfasst, an vielen Stellen der Heiligen Schrift deutlich zum Ausdruck gebracht wird. Die Lehre von der Dreieinigkeit kann so formuliert werden: Es existiert ein einziger wahrer Gott (Monotheismus). Dieser wirkt und offenbart sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der Heilige Geist ist Gott – wesenseins existierend, und doch in drei Personen offenbar. Jesus Christus hat während seiner irdischen Existenz zwei Naturen besessen: wahre Göttlichkeit und wahre Menschlichkeit. Durch sein Menschwerden offenbart Gott sein Geheimnis, eine dieser Offenbarungen ist der Heilige Geist, die ewige, dem Vater und Sohn gemeinsame Lebenstätigkeit. Der Geist der ersten Christengemeinden war, der Art und Zeit ihrer Entstehung entsprechend, mystisch. Die Vorstellung vom Heiligen Geist, der ursprünglich bloß eine Kraft oder Eigenschaft Gottes war, wurde allmählich zur Vorstellung eines besonderen, aber Gott untergeordneten, Wesens erhoben. Inhaltlich liegen den vorchristlichen wie der christlichen Trinität archetypische Vorstellungen zugrunde. Zur Zeit der Gnosis, welches im weitesten Sinne, aus der das Christentum hervorgegangen ist, hebt der Heilige Geist die Zweiheit, den “Zweifel” im Sohne auf, er ist das Dritte, das die Einheit wiederherstellt. Eine erstaunliche Stelle ist dazu bei Johannes 14. Dort richtet der Herr Jesus seine Abschiedsrede an seine Jünger und tröstet sie mit den Worten: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Sachwalter geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn kennt. Ihr [aber] kennet ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.”

    Die Jungsche Deutung der Trinität

    Jung deutet hier zunächst, von Platon und gnostischer Spekulation ausgehend, die Dreiheit im Sinne eines psycholischen Bewusstseinswerdungprozesses. Alle numinosen Erfahrungen, also vom Wirken und den Willen einer Gottheit, sind außerbewußte Erfahrungen.  C. G.Jung gebraucht hier den Begriff des kollektiven Unbewußten. Christus war jene kollektive Gestalt, welche das zeitgenössische Unbewußte erwartete und in dieser Ganzheit ist Christus auch dem Symbol des Selbst zugeordnet. Ziel der psychologischen Entwicklung ist die Selbstverwirklichung. Weil aber der Mensch sich nur als Ich kennt, das Selbst aber unbeschreibbar und vom Gottesbild kaum zu unterscheiden ist, “bedeutet die Selbstverwirklichung in religiös-metaphysischer Sprache die Inkarnation Gottes” (171); Gott verwirklicht sich im Menschen. Das Ich leidet dabei die Aufnahme analog zur Passion Christi. Auf dem Weg zur Verwirklichung seiner Ganzheit kontaktiert das menschliche Ich infolge der Integration des Unbewußten in das Bewußtsein, in den “göttlichen Bereich.” Das Christusleben ist somit Symbol für das bewußte und unbewußte spirituelle oder psychologischer Transformation des Menschen.

    Die Jungsche Deutung der Quaternität

    Eine Trinität “Vater, Mutter, Sohn” wäre natürlicher, was auch der frühchristliche Gnostizismus anstrebte. Für C.G. Jung enthüllt sich die Trinität als ein Symbol, welches göttliches u n d menschliches umgreift. Der christlichen Trinität wird alles Gute zugesprochen, alles Böse und Unvollkommene aberkannt. Nun gibt es aber in der Christlichen Lehre auch bemerkenswerte Quaternitäten und diese ist bei C.G. Jung zentral. Die Quaternität ist ein “Ordnungsschema par excellence” (vgl. Jung, GW 9/2, 381) und ein wesentlicher Aspekt seiner Ganzheitssymbolik: “Die ideale Vollständigkeit ist das Runde, der Kreis, aber seine natürliche minimale Einteilung ist die Vierheit.” (Jung, GW 11, 246). Nun erkennt der katholische Glauben dem Bösen ebenfalls Persönlichkeit zu, das wäre eine Quaternität. Im Falle Hiobs handelt Satan nach eigenem, Ermessen und vermag sogar Gott zu beeinflussen.  Als Widersache Christi ist der Satan bei C. G. Jung in „Antwort auf Hiob“ konsequenterweise ebenfalls “Gottessohn” zusammen mit dem fast als Demiurge beschriebenen Yahwe und seiner Frau Sophie. Die wichtigste Quaternität in der christlichen Lehre ensteht durch die besondere Stellung von Maria. In seinen religionspsychologischen Überlegungen setzt sich Jung mit dem Archetyp der Trinität (Triade) auseinander und ist der Meinung, dass in der christlichen Trinitätsvorstellung Maria als Viertes ürsprünglich fehlte bzw. ins Unbewusste verdrängt wurde. Die christliche Religion hat deshalb Maria, das heißt das Weibliche oder das Materielle – Menschliche als Viertes zur Ganzheit wieder hinzugenommen (Himmelfahrt). Nach C. G. Jung – aus der Alchemie -bezeichnet die Eins Gott, die Zwei den Unterschied und das Paar, die Drei die Wiedergeburt und den Sohn aus Eins und Zwei und ist die erste männliche Zahl. Die Vier als Zahl, das Quadrat wie auch das Kreuz, ermöglichen den Aufbau eines grundlegenden Koordinatensystems für Zeit und Raum, für Welt und Kosmos. Sie bilden deshalb auch die Basis für viele logisch-geistige Modelle: Die vier Himmelsrichtungen, die vier Winde, die vier Jahreszeiten und daran angelehnt die vier Lebensalter, die vier Elemente, die vier Körpersäfte und die vier Temperamente, die vier Flüsse des Paradieses und die vier Evangelisten (drei Synoptiker und Johannes). Wo man in mythologischen und religiösen Bildern und Symbolen, hermetischen Symbolsystemen etwa der Alchemie oder auch in der Philosophie auf die Vierheit stößt, vor allem auch in gnostischem Denken (Gnosis), geht es darum, eine chaotische Vielfalt (Chaos) durch numinoser Bilder und Eindrücke zu ordnen. Die Quaternität bedeutet Beruhigung durch Ordnung. Deswegen bedient sich Jung häufig selbst eines Quaternitätsmodells, um sich in der Fülle und Vielschichtigkeit universaler Motive, Gestalten, Ereignisse, aber auch der Träume, Fantasien und anderen unbewussten und symbolischen Gestaltungen seiner Patienten orientieren zu können. Das Auftauchen der Vierheit in Träumen und Visionen weißt deshalb auf die Ganzheit hin und ist z. B. auch im Mandala (Mandalasymbolik) enthalten.

  • “Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht !” (Mtth. 6,16).

    “Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht !” (Mtth. 6,16).

    Die Fastenzeit / Passionszeit der katholischen Kirche dauert 40 Tage. Dabei werden nur die Werktage, also keine Sonntage gezählt. Sie beginnt mit Aschermittwoch und dauerte bis zum Karsamstag. Ich führe das für mich jedes Jahr durch und, es ist tut mir gut für Geist, Körper und Seele.

    Von Aschermittwoch bis Karsamstag sind es genau 40 Tage, da die Sonntage ausgenommen sind. Die 40 Tage der Passionszeit gehen auf die 40-tägige Gebets- und Fastenzeit von Jesus nach der Taufe im Jordan zurück. Die Zahl 40 ist in der Bibel eine häufige Zahl: Das Volk Israels verbrachte 40 Jahre in der Wüste. Der Prophet Elia wanderte 40 Tage durch die Wüste. Und Mose verbrachte 40 Tage auf dem Berg Sinai verbrachte

    Streng genommen dürfen die Katholiken ab dem Aschermittwoch 40 Tage weder Alkohol noch Fleisch verzehren. Nur Fisch ist erlaubt.

    “Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht !”, heißt es in der Bibel (Mtth. 6,16).

    Gebet:
    Wir handeln im Geiste Jesu und entsprechen dem Wunsch der Kirche, wenn wir in der Fastenzeit neu auf Gottes Zuwendung zu uns antworten und uns besonders darum bemühen. Gemeinschaft mit Gott sollten wir in dieser Zeit auch suchen durch Lesen der Heiligen Schrift, Besuch der Fastenpredigt, Teilnahme an Besinnungstagen, Exerzitien, Zeiten der Stille, Kreuzweg- oder Rosenkranzandachten. Vornehmlich erneuern und vertiefen der Empfang des Bußsakramentes und die Mitfeier der Eucharistie.

    Fasten und Verzicht:
    Es ist eine Erfahrung aller geistlichen Traditionen, daß das leibliche Fasten ein unerläßlicher Bestandteil jeder intensiveren Besinnungszeit ist; das gilt insbesonders, wenn diese Besinnungszeit von einer Gemeinschaft gehalten wird.  Man übt damit  jedes Jahr neu die Haltung zum Konsumverzicht.

    Almosen und Werke der Nächstenliebe:
    Seit alters her haben die Christen es als einen besonderen Sinn des Fastens angesehen, mit den Armen und Verfolgten zu teilen.  Gerade vor dem Hintergrund der weltweiten Christenverfolgung hat das am Ende der Fastenzeit erbetene Opfer seinen Sinn.
     

  • Gegenüberstellung der fünf Evangelien

    Gegenüberstellung der fünf Evangelien

    Die in den vier Evangelien dargelegte Botschaft wird von folgenden Schwerpunkten geprägt:

    •    die Prophezeiungen über das Kommen des Herrn
    •    das Leben und der Dienst des Herrn
    •    der Tod und die Auferstehung des Herrn
    •    das Erscheinen des Herrn nach der  Auferstehung
    •    und Seine Himmelfahrt

    Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas beschrieben das Leben Jesu von derselben Perspektive. Daher nennt man ihre Evangelien die synoptischen Evangelien. Das Johannes-Evangelium hingegen enthält sehr wenig von den Einzelheiten der Synoptiker; man hat ausgerechnet, dass das Johannes-Evangelium zu 90 % völlig neue Information enthält und nur 10 % gleiche Themen wie die Synoptiker.

    Aufgrund der Darstellung des Lebens Jesu Christi wurde es ein “spirituelles Evangelium” genannt; es behandelt die “geistliche Sicht”.

      MARKUS MATTHÄUS LUKAS JOHANNES
    DARSTELLUNG “gehorsamer Knecht” “versprochener   König” “volkommener Mensch” “göttlicher Sohn”
    SCHLÜSSELWORT “alsbald” “erfüllt” “Sohn des Menschen” “glauben”
    LESERSCHAFT Römer Juden Griechen Gemeinde
    ART DESSCHREIBERS “Prediger” “Lehrer” “Schriftsteller” “Theologe”
    BETONUNG Wunder Predigten Gleichnisse Lehre
    MERKMALE Kraft “eingetretene Prophezeiung” Gnade Herrlichkeit
    GEGEND G a l i l ä a Judäa
    BETONUNG der Menschlichkeit Jesu der Göttlichkeit

    Das erste Evangelium (Markus) wurde erst 20-30 Jahre nach dem Tod Jesu geschrieben. Die anderen Synoptiker wurden etwas später geschrieben. Das Johannes-Evangelium wurde wahrscheinlich erst am Ende des ersten Jahrhunderts verfasst.

    Die Hauptteile dieser Botschaft waren:

    1. die Prophezeiungen über das Kommen Jesu
    2. Sein Leben und Sein Dienst
    3. Sein Tod und Seine Auferstehung
    4. Sein Erscheinen nach der Auferstehung und Seine Himmelfahrt

    Die Geschichte betont die Rolle der Urgemeinde, wie diese aufgrund ihrer Erinnerungen an das Leben und den Dienst Jesu, die Geschichte des Herrn “formte” – jeweils passend für die Not und Bedürfnisse ihrer eigenen Lage. (z.B.schrieb Markus aus der Perspektive der römischen Christen ein Evangelium ; Lukas schrieb aus der Perspektive der griechischen Christen,Matthäus aus Sich der Juden und Johannes wohl eher gegen Gnostiker oder integrativ mit den Neo-Platonikern).

    Die gesprochene Botschaft ging der geschriebenen Botschaft
    voraus. Es wird vermutet, dass es in der frühen Urgemeinde grundsätzlich zwei Berichte über das Leben Jesu gab, die die Grundlage für die späteren Evangelien bildeten. Diese zwei Berichte waren:

    1. das Evangelium Markus   –  eine Niederschrift der Predigten

      des Apostels Petrus
    2. “Q” (die Quelle)  – eine Zusammenfassung der Worte (Lehren) Jesu

    Matthäus und Lukas verwendeten daher Markus (fast die gesamte Information von Markus befindet sich auch in den anderen Synoptikern) und “Q”, als sie ihre Evangelien zusammenstellten. (Zusätzlich nahmen Matthäus und Lukas noch andere Informationen in ihre Evangelien hinein, die
    sonst nirgends vorkommen.

    Die Evangelien haben das Leben und den Dienst Jesu Christi zum Inhalt. Jesus wurde während der Regierungszeit des Kaisers Augustus geborenals Herodes der von Rom eingesetzte König über Palästina war (Matth.2,1). Seine Geburt fiel wahrscheinlich in das Jahr 5 v.Chr. (später konnte es
    nicht gewesen sein, da Herodes 4 v.Chr. starb) . Mit zwölf Jahren ging Jesus nach Jerusalem (Lk 2,4). Es wird erst wieder von Ihm berichtet, als Er “ungefähr dreißig Jahre alt war” Lk 3,23 und mit
    Seinem öffentlichen Dienst begann. Dies war “im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius” Lk 3,1 – (entweder 26/27 n.Chr. oder 28/29 n.Chr.). Dieser öffentliche Dienst war etwas mehr als drei Jahre später vollendet.

    In den Evangelien wird nicht über alle Einzelheiten des Lebens Jesu berichtet Joh 21,25. Es wird aber auch keine für das göttliche Porträt Jesu Christi wichtige Information weggelassen. Wenn man die Aussagen der vier Evangelien zusammenlegt, entsteht ein harmonisches Bild von Jesus.

    Sein irdisches Leben kann man in drei Abschnitte unterteilen:

    1. die Zeit der Vorbereitung

      etwa 30 Jahre; darüber gibt es nur wenig Information
    2. der öffentliche Dienst

      etwa 3 ½ Jahre; die Höhepunkte werden im Einzelnen berichtet
    3. das Opfer

      der Gipfel des Lebens Jesu während einer Periode von etwa 2 Wochen

    Im irdische Leben Jesu Christi) sieht man, dass es im Leben des Herrn zwei Phasen gegeben hat:

    d i e n e n
    s t e r b e n

    Der Höhepunkt des Dienens fand fast ein ganzes Jahr vor der Kreuzigung statt; Sein Tod war das wichtigste Ereignis.

    Sein öffentlicher Dienst dauerte etwa 3 ½ Jahre (die Passahfeste im Johannes-Evangelium, sowie “das Fest der Juden” Joh 5,1, liefern die chronologische Reihenfolge).

    Jedes der drei Jahre hatte seinen eigenen Charakter:

    1. Jahr   –   unbekannt
    2. Jahr   –   beliebt
    3. Jahr   –   abgelehnt

    Die Bezirke Palästinas

    1. Galiläa

      Der See von Tiberias oder See Genezareth war das Zentrum des Lebens im Norden. Jesus wuchs in den Städten Nazareth (Karawanen-Zentrum) und Kapernaum auf.
    2. Samarien

      Es lag südlich von Galiläa und hatte viel fruchtbares Land, wie z.,B. Sichem, zwischen den Bergen Ebal und Gerizim. Der Berg Gerizim war der heilige Berg der Samariter Joh 4,20. Eine der Hauptstraßen zwischen Galiläa und Judäa lief durch dieses Gebiet.
    3. Judäa

      Obwohl sich der Sitz des römischen Prokurators in Cäsaräa in Samarien befand, war Jerusalem das Zentrum des jüdischen, politischen und religiösen Lebens.

      Jesus besuchte Jerusalem immer zu den religiösen Festen.

    Die Landschaft Palästinas

    Es gab fünf unterschiedliche Landschaftsgebiete in Palästina (siehe Karte 9):

    1. Küstenflachland
    2. Shefelah

      langsam steigende Hügellandschaft
    3. Cis-Jordan Hügel

      die durchschnittliche Höhe liegt in etwa bei 600 m; wichtige Nord-Süd-Verbindung lief entlang dieser Hügel
    4. Jordan-Tal

      das ganze Tal liegt unterhalb des Meeresspiegels, wichtige Nord-Süd-Verbindung lief durch das Tal.
    5. Trans-Jordan Plateau

    Die Städte und Dörfer Palästinas

    Nachdem der Herr etwa ein Jahr in Judäa tätig war (darüber berichtet nur das Johannes-Evangelium – siehe Karte 6), ging Er nach Galiläa zurück, wo Er den Hauptteil Seines irdischen Dienstes ausübte. Von den vielen Städten und Dörfern, die der Herr Jesus besuchte, werden in den Evangelien nur etwa 20 erwähnt.

    JUDÄA SAMARIEN
    UND GALILÄA
    ANDERE
    1. Jerusalem
    2. Bethlehem
    3. Bethanien
    4. Ephraim
    5. Jericho
    6. Emmaus
    1. Sichem
    2. Samaria
    3. Nain
    4. Nazareth
    5. Kana
    6. Magdala
    7. Kapernaum
    8. Chorazin
    9. Tiberias
    1. Bethsaida (Lk, 9,10)
    2. Gergasa
    3. Cäsarea
    4. Tyrus
    5. Sidon
    6. Bethabara (Bethanien) Joh 1,29)

    Source

    Nun zum Thomas Evangelium. Es ist unrichtig, dass die katholische Kirche das Evangelium des Thomas unterdrückt oder nicht zulässt.  Es wird nur nicht erwähnt. Ich habe erst vor kurzem in einer Bibellesung von einem sehr offen´eingestellten Mönch davon erfahren. Das Thomas Evangeliumist ist qualitativ schwierig einzuordnen. Mehr dazu unter… chlick

  • C. G. Jungs “Antwort auf Hiob” und das “Johannes Evangelium”

    C. G. Jungs “Antwort auf Hiob” und das “Johannes Evangelium”

    Gnostiker sind besonders angetan von dem Markenzeichen “Logos” in der Einleitung des Johannes Evangeliums, welches C.G. Jung, in seinem Buch “Antwort auf Hiob”, ja auch sofort als “Nous” oder Sophie interpretiert. Viele Kritiker meinen, dass das Johannes Evangelium ein gnostisches Evangelium ist und gnostische Sprache und Begriffe verwendet. Er beschreibt Sophie (Weisheit) als die Gemahlin von Jahwe,  eine gute “Co-Autorin” dieses Demiurgen, dem Schöpfer der materiellen Welt.  Nach C.G. Jung versagt, der Demiurg (bei den Gnostikern ein ignoranter Halbschöpfer), als Gott bei Hiob und ist als Schöpfer unserer materiellen Welt der „Urheber der Übel” ,  der seine Sache mit den Menschen schlecht gemacht hat unter tatkräftiger und zugelassener Obstruktion des Satans.  Eine Lösung ist ein neuer Ansatz, ein neuer Sohn. Dieser Christus soll wie Adam, leidensfähig und sterblich, andererseits “nicht bloßes Abbild, sondern Gott selber sein, als Sohn den Vater verjüngend.”  Als Sohn Marias, die wie leicht ersichtlich, ein Abbild Sophies ist, ist Jesus Logos (synonym mit “Nous” ein Begriff von Aristoteles) als solcher auch Werkmeister der Schöpfung.

    Philo (20 BC – 50 BC), ein hellenisierter Jude aus Alexandrien, verwendete den Ausdruck “Logos, um ein unvollkommenes göttliches Sein (Demiurge) zu bezeichnen. Er folgte der platonischen Unterscheidung zwischen unvollständiger und vollkommene Idee – Demiurge (Halbschöpfer) kommt aus den platonischen und neoplatonischen Schulen. Das Johannes Evangelium identifiziert “Logo”  dagegen direkt mit Jesus. Für Christen ist Johannes Evangelium 1,1 somit ein zentraler Text, welcher die Dreieinigkeit erklärt und das Vater, Jesus, und der Heiliger Geist gleichgestellt und Eins sind.

    Dieser erste Vers im Johannes Evangelium  reflektiert die “Schöpungsgeschichte” und ist eine der sprachlich schönsten und mächtigsten Stellen der Bibel:

    Am Anfang war der Logos das Wort, und das Wort
    war Gott, und Gott war das Wort.
    Dieses war im Anfang bei Gott.
    Alles ist durch dies geworden und es ward auch
    nicht eines von dem, was geworden.
    In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht
    der Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis,
    doch die Finsternis hat es nicht ergriffen.

    •  „Im Anfang war das Wort“: Die Person, von der hier geschrieben wird – Jesus Christus, der Sohn Gottes – ist als solche ewig. Denn in jedem Anfang, den man sich (aus)denken könnte, war Er schon. Und Er wird das „Wort“ genannt. Das heißt, Er ist der vollkommene und vollständige Ausdruck Gottes. Er ist es immer schon gewesen.
    •  „Und das Wort war bei Gott“: Dieses Wort wird unterschieden von Gott. Es war eine Person, die bei Gott war. Wenn jemand bei einer anderen Person ist, dann kann er unmöglich diese Person sein. Er muss eine eigene Identität haben. So wird das Wort – der Sohn Gottes – von Gott unterschieden.
    • „Und das Wort war Gott“: Wenn auch das Wort von Gott unterschieden wird, so ist es zugleich dennoch Gott. Es ist wesensgleich mit Gott, weil es Gott ist.
    • „Dieses war im Anfang bei Gott“: Die Person, die das Wort ist – also der Sohn – war in dieser Beziehung schon immer – im Anfang – bei Gott und Gott. Er wurde nicht erst Gott, Er kam nicht erst in die Beziehung Vater-Sohn, als Er auf diese Erde kam. Nein, vor Grundlegung der Welt, schon immer, war das Wort der Sohn.
    • ” …und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut”: Das Johannes-Evangelium schildert das Leben Jesu also von der Ewigkeit her.

    Und damit ist nur eine Besonderheit dieses einzigartigen Evangeliums genannt, das im Quartett der Evangelien eine Sonderstellung einnimmt.  Folgende grobe Gliederung erscheint möglich:

    1. Einleitung: Kapitel 1,1-18
    2. Der öffentliche Dienst des Sohnes Gottes: Kapitel 1,19-12,50
    3. Der Dienst und die Worte des Sohnes für die Familie Gottes: Kapitel 13,1-17,26
    4. Tod und Auferstehung: Kapitel 18,1-20,31
    5. Prophetischer Ausklang: Kapitel 21

    Nach Ansicht mancher ist das Johannes Evangelium im ersten Viertel des zweiten Jahrhunderts entstanden. Der Verfasser ist laut Evangelium der Apostel Johannes, Jesu Lieblingsjünger. Historisch ist dies umstritten, kirchliche Lehre gibt daher eher Ende des ersten Jahrhunderts an. Sicher ist: Der Autor hat sich viel stärker als die anderen drei Evangelisten mit einer Lehre auseinandergesetzt, die das junge Christentum schließlich entschlossen als Irrlehre bekämpfte: die so genannte Gnosis (griechisch: Erkenntnis).

    In gnostischer Sicht war der Kosmos ein dualistisches Weltbild, gespalten in ein Reich des Materiellen und eine himmlische Lichtwelt. Die Seele des Menschen war ein Splitter des Lichts, der auf der Erde gefangen ist im Leib des Menschen. Erkenntnis – Gnosis – war der Weg zur Erlösung, die Erinnerung an die eigene Herkunft aus dem Licht. Die materielle Welt war nach dieser Lehre  erfüllt von „Einsamkeit“, von „furchtbarer Angst“ vor dämonischen Mächten.  Alle Lebensvollzüge erscheinen als „vergiftet, dämonisch infiziert“. Wie im Buddhismus besteht die Welt aus Leiden. Sogar der Gott der Gnosis, wenn man den Dimurgen so nennen will, war lebens- und weltfeindlich, unfähig zu lieben und zu leiden, vor allem: uneins mit seiner Schöpfung. Der wahre Gott ist im Hintergrund ist radikal Nicht-Welt.

    Jesu Weltoffenheit dagelegen, die Offenheit, mit der er auf Geächtete, auf Sünderinnen, auf vermeintlich Unreine, auf schuldig Gesprochene zugeht, diese Furchtlosigkeit, mit der er sich der Welt öffnet – all das war eine radikal gute Botschaft. Sprache wird für Johannes zu einem mystischen Tor zwischen der Welt Gottes und der des Menschen. Das ist nicht nur theologische Theorie – dieser Ansatz formt die Sprache bei Johannes in einzigartiger Weise.  „Im Wort war das Leben, und das Leben war das Licht des Menschen.“ Johannes setzt der Mystik von Bildern eine Mystik des Wortes gegenüber, und zwar des schöpferischen, göttlichen Wortes, das die Schöpfung trägt.

    Sprache entfaltet sich bei Johannes allegorisch: Ein Wort bezeichnet ein Ding und etwas anderes; die Materie glänzt auf einmal vor Sinn und Vieldeutigkeit. Da sind etwa die vielen „ICH bin“-Worte Jesu – Worte voll theologischer Kraft: Ich bin die Wahrheit, die Auferstehung und das Leben, ich bin der gute Hirte, „ich bin die Tür, wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden“.  Gott hatte sich Moses gegenüber als der „Ich bin, der ich bin“ offenbart (2. Mo 3, 13-15).  Johannes greift diesen Namen Gottes ganz besonders wieder auf und es ist Jesus selbst, der diesen Namen für sich in Anspruch nimmt und damit eigene Herrlichkeiten verbindet. Sieben verschiedene spezielle Herrlichkeiten seiner Person fügt Jesus dem betonten „ICH bin“ hinzu. Der messianische Anspruch wird in solchen Worten mit einer unerhörten Vollmacht beansprucht und zugleich in einer poetischen Dichte, die einzigartig ist im Neuen Testament.

    “Ich bin das Brot des Lebens”, sagt er beim Stichwort Essen. Als seine Jünger ihn einmal suchten, fanden und dann fragten: „Rabbi, wann bist du hergekommen?“, da antwortet er auf die banale Frage mit einer Meditation über das Suchen, die in einer Selbstoffenbarung gipfelt: „Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“

    In solchen Passagen wird immer wieder deutlich: Die ganze Welt, das Leben, jedes Detail und jeder Lebensvollzug ist so etwas wie eine Metapher für Höheres. Die Außenseite der Welt spiegelt den Himmel wieder; man muss nur hinsehen oder eben hinhören, denn all das ist ja verborgen in der Sprache, im Wort, das für Johannes göttlichen Ursprungs ist und dessen Abglanz jedes Menschenwort mit Geist erfüllt.

    Bei Johannes ist eine einschließende Sinnfülle zu spüren. Erlösung und Gotteserkenntnis sind keine Geheimwissenschaft für Eingeweihte, sondern liegen offen und klar zu Tage. Die Welt ist ein Zeichen, das von Gott kommt und auf ihn zurückweist. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft.

    Johannes, „der Jünger, den Jesus liebte“,  beschrieb hauptsächlich die göttliche Seite: Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in Seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben (3,35-36). In den Abschiedsreden Jesu findet sich echter Trost: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden (16,33).

    Die letzten Worte im Johannes-Evangelium künden von diesem Glauben an die Fülle und die Nähe Gottes: „Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“