Papst Benedikt / Philosophy / Religion

Katholische Kirche machte Frieden mit der Aufklärung


Eine interessante Begegnung mit konservativen katholischen Glaubensbrüdern in einem BLOG http://hocestenim.wordpress.com/. Ich teile sonst viele der Einschätzungen, die in diesem Blog geäußert werden aber “gegen einen Artikel”  musste die ich Aufklärung verteidigen und von der sogenannten bösen Moderne abgrenzen. Auch interessant, von der Wertung eines gläubigen Christen musste ich darüber hinaus viele der (politischen und philosophischen) Standpunkte Papst Benedikts und die Aufklärung verteidigen.  Letztlich sollen vier Punkte angesprochen werden:

  1. Es ist eine epochale Verblendung, der Glaube habe den heutigen Menschen nichts mehr zu sagen weil er Vernunft und Aufklärung widerspreche.
  2. Umgekehrt gilt auch, das nicht Vernunft und Aufklärung schuld an der derzeitigen Wertekrise und Kampf gegen das (katholische) Christentum sind.
  3. Es gibt Pathologien der Vernunft und Pathalogien des Glaubens.
  4. Alle diese Fragen haben im globalen, interkulturellen Kontext heute notwendigerweise eine weitere Dimension.

Im wesentlichen ist Kampf gegen das Christentum oder die Ruf nach Modernisierung  z.B. ein eurozentisches Problem. es ist das Problem eines in mehrfacher Hinsicht sterilen Kontinents mit komischer Selbstüberschätzung.  Die katholische Kirche wächst in drei Kontinenten   Europa und die spirituellen Weiterentwicklung wird demnächst dort ihren Schwerpunkt haben.  2010 sind Europa: 588′, Südamerika 544′, Afrika 493 ‘, Asien 352’ Christen und 2050 werden Europas Christen nur noch 15% der Weltchristen ausmachen und Nordamerika 10%.

1) Die Böse Moderne – Versuch einer Begriffsbestimmung

Die sogenannte böse Moderne, definiert dort im BLOG als Rationalismus, Materalismus, Positivismus, Postmoderne, Nihilismus, Relativismus, Aufklärung usw. hat wie der Islam kein Lehramt.  Nur leider ist die deutsche Misere – die “böse antireligöse Moderne” ( ich vermute gemeint war im BLOG  hauptsächlich die Postmoderne) eben nicht in Kants Idealismus und vermutlich nicht mal in der Vernunft begründet, sondern im deutschen Nihilismus (Nietzsche) und französischem Jakobinertum (Rousseau). Der deutsche Idealismus mündete ja in den Mythos eines Vernunftglaubens mit starken Bezügen zur deutschen Romantik die Kant eigentlich auf den Kopf stellt. Nach Nietzsche braucht nur der Schwache eine Religion und Moral. Der freie Mensch fordert heute in Deutschland den starken Staat mit institutionalisiertem Positivismus als Religionsersatzund natürlich das Gottesreich auf Erden. Zumindest das Paradies wie Jung einmal sagte – als eine Art milde regierter Kindergarten weit weg von Kants Gedanke von der Selbstgesetzgebung durch Vernunft. Die Leiterin darf auch mal über die Stränge schlagen. Ziemlich viele Widersprüche? Korrekt, daher würde ich das “Böse Moderne” für Deutschland so definieren:

  • Absage an  Aufklärung und Vernunft (ratio)
  • Hinwendung zu Emotionalität und Mythos eines (heimlich abgelehnten)Vernunftglaubens
  • Ablehnung eines universalen Wahrheitsanspruchs im Bereich Philosophie und Religion
  • Hinwendung zu moralischem Subjektivismus oder Relativismus mit Fraktionalisierung in widersprechende Gruppen
  • Absage an traditionelle Bindungen und Solidarität mit Bekämpfung des autonomen Subjekts durch Bevormundung
  • Hinwendung zu radikaler Pluralität mit Unterdrückungstendenzen (oft der Mehrheit) im Namen von Toleranz und  Freiheit
  • Feminismus und Multikulturalismus
  • Dekonstruktion als Mittel der Manipulation

Dieses Moderne hat dabei eine eher irrationale Substanz und lebt von der Negation und Dünkel des Übermenschen der Gott nicht braucht. Es ist aber auf sich selbst bezogen gar  nicht relativistisch, sondern vertritt Überzeugungen mit demselben Absolutheitsanspruch religiöser Fundamentalisten. Dies Moderne vermag zwar außerhalb der materiellen Sphäre keine eigenen positiven Werte hervorzubringen, greift aber mit religiösem Eifer alle positiven Werte des Christentums, jede Tradition und jede Moral an.  Einzig positive besetzte Konzept sind die des “edlen Wilden” und “Ich leide also bin ich” (Bruckner).  Unter internationalen und globaler Sicht, ist die Meinung (von einer immer schneller schrumpfenden Zahl von Katholiken in Europa und Deutschland) wasden nun in der Kirche modernisiert werden soll, von geringer und abnehmender Relevanz.

Es ist daher schwierig,  das “böse Moderne” auf bestimmte Positionen festzunageln. Wenn man tiefer sieht, stößt man aber allerdings tatsächlich auf so etwas wie moderne Dogmen.  Man ist beispielsweise kulturrelativistisch nicht bereit, islamischen Staaten die Steinigung von Frauen zuzugestehen. Nein, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wird zumindest vordergründig universell, kulturübergreifend und insofern absolut proklamiert. Allerdings, gibt es schon Widersprüche, z.B. bei Erbrecht und Erziehungsrecht z.B. der Scharia welche die Mehrheitsgesellschaft dialektisch den edlen Wilden gegenüber aushalten muss. Ein moralischer Subjektivismus oder Relativismus ist ja grundsätzlich in sich widersprüchlich, jedenfalls dann, wenn er normative Geltung beansprucht, z.B. Gut, ich trete zwar für Leben und körperliche Unversehrtheit ein, finde es aber okay, wenn du aus deiner Perspektive eine andere Ansicht hast und Frauen steinigst. Damit wird auch deutlich, wohin eine solche Position führt: zum Recht des Stärkeren.

Was die katholische Kirche betrifft, will die veröffentliche Meinung, dass sie interne Positionen – z. B. zu Zölibat und Frauenordination – ändern soll. Dieses Ansinnen kann aber nicht ernsthaft vertreten, wer nicht von verbindlichen Normen – etwa vom Gleichheitsgrundsatz oder einer kurzsichtigen Interpretation desselben – ausgeht. Denn damit kann man nicht begründen, wieso die Kirche, eine Religion, ihre Liturgie und Rituale an die sogenannte Moderne anpassen sollte. Hinter diesem Ansinnen verbirgt sich doch ein gar nicht so zahmer Absolutismus – und die Frage stellt sich dann, was hinter diesem Absolutismus steht: Wenn der christliche Gott als Quelle wegfällt, weil man ihn für nichtexistent hält, bleibt dem Menschen bestenfalls die Vernunft möglicherweise aber sanfter (die EU) oder harter (Hitler, Stalin, Pol Pot, Mao) Totalitarismus.

2) Glauben und Aufklärung ergänzen sich

Die Zulänglichkeit menschlicher Vernunft oder überhaupt die Vorstellung einer universellen (kultur- und zeitunabhängigen) Vernunft ist jedoch zu recht Zweifeln ausgesetzt. Allein durch sein Vertrauen in die menschliche Vernunft wird Papst Benedikt XVI. ironischerweise zum Vertreter der Aufklärung, dieses Vertrauen hängt aber bei ihm aber an der Annahme eines Schöpfergottes, wobei es nicht ausreicht, diesen Gott, wie Kant, lediglich als regulative Moral zu definieren.Woher sollte die menschliche Vernunft ihr Vermögen, verbindliche Wahrheiten und verbindliche Normen zu erkennen, beziehen? Wodurch ist diese Vernunft gerechtfertigt? Die deutsche Romantik hat der Vernunft eine deutliche Absage erteilt die in Deutschland, wiederbelebt in den 20ern des letzten Jahrhunderts zu Faschismus führte. Papst Benedikt XVI, damals noch Kardinal Ratzinger hat dies ziemlich auf den Punkt gebracht:, spricht von einer “faktischen Nichtuniversität der beiden grossen Kulturen des Westens, der Kultur des christlichen Glauben und wie dienigie der säkularen Rationalität”.  Sowohl Wissen schaft wie Mehrheiten geben letztlich keine Antworten auf ethische Fragen.  Die religöse und ethische Welformel gibt es im Rahmen der Interkulturalität schon gar  nicht.  Kardinal Ratzinger stellt daher zwei zielführende Thesen auf:

  • Korrelation von Vernunft und Glauben, Vernunft und Religion, die sich gegegenseitig reinigen und heilen uns sich gegenseitig anerkennen müssen.
  • Konkretisierung dieser These im interkulturellen Kontext unserer Gegenwart.

 Das ist eine sehr diplomatische Absage sowohl an Fundamentalismus, wie an Relativismus. Alle Fundamentalisten giessen ja Wertung des Ist-Zustandes eines dekanten Lands in Begriffe wie “Aufklärung”, “Der Westen”, religionsneutral, “böse Moderne”.  Kant misstraute übrigens der alleinigen Vernunft und stellte nur klar das man mit den Sinnen die Welt nicht richtig erfassen kann. Das war entscheidend für Kopernikus und Kepler. Unter Unmündigkeit versteht Kant das Unvermögen (die Unfähigkeit), sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Der unmündige Mensch folgt ohne selbständiges Denken anderen Menschen, Gruppen, Einrichtungen und Einflüssen von außen. Autoritäten werden nicht in Frage gestellt. Richtig ist, ohne diese Wende, auch ohne Trennung von Kirche und Staat wären der Westen (als Hochkultur) noch in einer fundamentalistischen, rückständigen Welt in der kein grosser Unterschied zwischen Salafisten und Christen besteht. Sind wir aber nicht.

Ich kann mich einem Gegensatz zwischen Glauben und Aufklärung nicht anschließen. Papst Benedikt hat sich in einer Grundsatzrede in Prag zur Trennung von Staat und Kirche bekannt. Aufklärung und reinen Positivismus ohne Moral (und Glaube) hält er hingegen für steril und inhärent totalitär. Wie ich das verstehe, meint der Papst (richtigerweise) eine solche Einseitigkeit führe eine seelenlose Gesellschaft, der unbegrenzten Selbstbestimmung und von Befreiungstheologen: “ Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit unverhüllt gesehen“. Anderseits warnte er in seinem legendären Treffen mit Jürgen Habermas im Januar 2004 in München: Verzerrungen der Religion“ entstünden immer dann, „wenn der reinigenden und strukturierenden Rolle der Vernunft im Bereich der Religion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.“ Sein Kernargument ist “Vernunft und Glaube bräuchten sich; sie seien „zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen“. Nicht einmal Christus stellt Religion in allen Punkten über den Staat: “Gebt des Kaisers was des Kaisers ist”.

Genau deswegen stellen Gläubige von Religionen die Ihren “Frieden mit der Aufklärung gemacht haben, für den modernen Westen keine Bedrohung dar. Die Loyalität der Gläubigen gilt in erster Linie der Wahrheit.

3)  “Westliche Kultur” basiert auf Christentum.

Nach dem Grundgesetz sind wir (Deutschland – die EU schon eher) kein “religiös neutraler” Staat, sondern ein demokratischer Staat mit Freiheit der Religionsausübung. Keineswegs setze ich “Errungenschaften der modernen Gesellschaft”, mit religiöser oder moralischer Indifferenz, mit grenzenlosem Individualismus und Atheismus (eine Ersatzreligion) gleich.   Kernsätze der Rede im Deutschen Bundestag von Papst Benedikt XVI:

  •  “Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden”.
  • “Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit.”
  • ” Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?”

Der Papst hielt im Bundestag eine elegante Rede. Ich bezweifle allerdings, dass diese Perlen bei unseren Abgeordneten und in unserer größtenteils wertelosen Gesellschaft ankamen.  Wenn Deutschlands “böse Moderne” damit gemeint ist, wäre richtiger zu sagen: Deutschland ist religionsleer und orientierungslos und bereit zur Aufnahme von jeglichen primitiven Religionen, Patchwork-Ersatzreligionen oder totalitärer Systeme, seien es politischer oder religiöser Art oder voraufklärerischen Religionen die eine Mischform sind. Der postmoderne Westen ist im totalen Indifferentismus, und zur Transzendenz kaum noch fähig. Ich bin trotdem strikt dagegen Bücher (wie die Verteilung des Korans) grundsätzlich zu verbieten. Eine Demokratie hat aber meine Erlaubnis, sich gegen jede Gruppe politisch, administrativ oder rechtlich zu wehren, auch wenn sie sich als religiös definiert, welche mittels politischer Majorisierung (Einschüchterung und Unterdrückung der Mehrheit) und kultureller Unterwanderung unsere Freiheit und Errungenschaften der Aufklärung gefährdet. Auch eine Theokratie ist keine Lösung. Kants „kopernikanische“ Einsicht war, dass nicht unsere Erkenntnis sich nach den Gegenständen, sondern umgekehrt, die Gegenstände sich nach der Erkenntnis richten.Kopernikus erweiterte und widerlegte beispielsweise das ptolemäisches Weltbild, m Gegensatz zum Islam, der teilweise bis zum Anfang des 19. Jahrhundert daran festhielt.

4) Theologische Aspekte der Tiefenpsychologie

Man kann Leistungen von Wissenschaft und Philosophie in der Zeit des Hellenismus und Mittelalter d.h. vor der Aufklärung  und die Leistung nach der Aufklärungkaum überschätzen.

Die Zeit der und nach der Aufklärung führte zu den drei Kränkungen des Menschen:

  • Kopernikanische Kränkung (Erde/Mensch nicht Zentrum der Welt).
  • Darwinistische Kränkung (Mensch nicht Krone der Schöpfung)
  • Freud (Mensch nicht Herr im eigenen Haus, das Ich vom Unbewussten fremdgesteuert

Jung definierte im Gegensatz zu Freud Religion als  ureigenstes Bedürfnis jedes Menschen (C. G. Jung), und er zeigte mit der Individuation einen Weg zum Selbst und zur Transzenden auf, der das Bewusste (Rationale) und Unbewusste miteinander in Verbindung bringt. Mir scheint das ist im Rahmen der Archetypen sehr ähnlich der Korrelation von Vernunft und Glauben, Vernunft im im interkulturellen Kontext unserer Gegenwart, den Papst Benedikt vorstellte.  Weder der  Religionsbegriff von Kant, noch gar von Freud ist zielführend,  schon eher der von C.G. Jung, der seinen Kant aber gut kannte.  C. G. Jung ist durchaus üblich (na ja geduldet) in der heutigen katholischen Kirche, auch in dem Teil der nicht den Verirrungen der Verbandskatholiken unterliegt. Allerdings am anderen Ende des Spektrums, als der Blog es vermutlich ist.

Nachsatz

Das Weltbild, das ich im BLOG spürte, hatte mehr mit einem fundamentalistischen Entwurf zu tun als mit einem Christentum, welches den Frieden mit der Aufklärung gemacht hat.Es war hochinteressant mit diesem Blogger diskutieren, denn ein ferner Punkt kann der Ortsbestimmung dienlich sein. Der Staat steht in den letzten Fragen nicht über dem persönlichen Glaubensbekenntnis der Religion, aber die Religion steht nur in Religionsdiktaturen über dem Staat. Deshalb nochmal: „Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist…“. Ich bin strikt dagegen Bücher (wie die Verteilung des Korans) grundsätzlich zu verbieten. Eine Demokratie hat aber meine Erlaubnis, sich gegen jede Gruppe politisch, administrativ oder rechtlich zu wehren, auch wenn sie sich als religiös definiert, welche mittels politischer Majorisierung (Einschüchterung und Unterdrückung der Mehrheit) und kultureller Unterwanderung unsere Freiheit und Errungenschaften der Aufklärung gefährdet.  Kant hält für Aufklärung und einem Freiwerden von Vorurteilen das Selbstdenken für zentral. Wenn Menschen nicht selbst denken, nicht die eigene Vernunft gebrauchen, bleiben sie im Zustand der Unmündigkeit.

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