C.G.Jung / Philosophy / Religion

Gut und Böse


Bestärkt von seinem Freund Wolfgang Pauli, dem weltbekannten Physiknobelpreisträger, nahm Jung an, das Prinzip der Komplementarität habe nicht nur in der Physik, sondern auch in der menschlichen Seelenkunde Geltung. Er verstand kausale und nicht-kausale Erklärungen, Trieb und Willen, aber auch – am umstrittensten – Gut und Böse als einander ergänzende Größen.

Viele Begriffe Jungs, bilden dieses Gegensatzpaar, etwa Introversion und Extraversion, Anima und Animus und in gewissem Sinne auch Persona und Schatten. “Schatten” steht für die abgewehrte, ins Dunkle verdrängte Seite des Menschen, also für alle Neigungen und Eigenschaften, die man an sich nicht wahrhaben will. “Persona” ist die Maske, die ein Mensch aufsetzt, um sich anzupassen und den Normen zu entsprechen. Nach Jung kann ein Mensch oft erst zu sich selber – zu seinem Zentrum, zum «Selbst» – finden, wenn er Schatten und Persona erkennt und sich mit dem kollektiven Unterbewussten durch die sogenannte aktive Imagination auseinandersetzt. Hermann Hesse, der in drei entscheidenden Krisensituationen seines Lebens (1916/17, 1921 und 1926/27) bei C. G. Jung Hilfe fand, hat diese imaginative Suche literarisch umgesetzt. “Steppenwolf” ist nach Hesses eigenen Worten die literarische Einlösung dessen, was er als das “Feuer“ seiner Analyse bezeichnet hat und illustriert auch das Anliegen Jungs, scheinbar Gegensätzliches zu verbinden und das im westlichen Denken vorherrschende Prinzip der Unterscheidung mit dem östlichen oder mystischen Prinzip der Synthese (wie „Yin und Yang“) zu ergänzen. Jungs Religionspsychologie liefert Hesse die theoretische Legitimation für die zentrale Botschaft seiner mittleren und späten Dichtung: die Identität von Selbsterfahrung und Gotteserfahrung. Sie bestätigt eigene Ahnungen und Erkenntnisse über die gemeinsamen psychologischen und anthropologischen Grundlagen der Weltreligionen. Hesse formuliert in in seiner Betrachtung “Weihnacht” aus dem Jahr 1917:

“Die Lehre Jesu und die Lehre Lao Tses, die Lehre der Veden und die Lehre Goethes ist in dem, worin sie das ewig Menschliche trifft, dieselbe. Es gibt nur eine Lehre. Es gibt nur eine Religion. Es gibt nur ein Glück. Tausend Formen, tausend Verkünder, aber nur einen Ruf, nur eine Stimme. Die Stimme Gottes kommt nicht vom Sinai und nicht aus der Bibel, das Wesen der Liebe, der Schönheit, der Heiligkeit liegt nicht im Christentum, nicht in der Antike, nicht bei Goethe, nicht bei Tolstoi — es liegt in dir, in dir und in mir, in jedem von uns. Dies ist die alte, einzig ewig gültigeWahrheit. Es ist die Lehre vom ‘Himmelreich’, welches wir ‘inwendig in uns’ tragen.

In der Bibel ist hierzu das über den Menschen als Sünder Gesagte relevant. Im AT hat der Mensch die Freiheit zu wählen. In Gen 3-11 wird geschildert, dass der Mensch seine Grenzen nicht akzeptiert, wie Gott sein will und damit sein Verhältnis zu Gott, Mitmensch und Umwelt zerstört. Später hat man (die ätiologische und mythologische Erzählung) Gen 3 im Sinne einer Erbsündenlehre verstanden (Augustin; CA 2: „ … dass sie alle vom Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können…“). Das NT betont die Sünde als objektive Macht (vgl. Rö 7/8), die den Menschen beherrscht, erst durch Christus wird diese Macht gebrochen (wobei die endgültige Durchsetzung des Reiches Gottes noch aussteht). Spezifische Aussagen darüber, woher das Böse letztlich kommt, macht die Bibel ebensowenig wie woher Gott kommt.

Das Nachdenken über bestimmte Bibelstellen, eine bestimmte Predigt führte bei mir zur Erkenntnis, das Himmelreich ist heute schon da, es ist in Dir und Mir. Jungs Psychologie legitimiert, systematisiert und erweitert (für mich auch ganz persönlich) jene religiösen und psychologischen Einsichten. Eine Kernaussage im Taoismus ist ja zum Beispiel, das sich das Gute und das Böse ergänzt und bedingt. Jungs Psychologie bietet das Instrumentarium, um das religiöse Fundament und Denken auf eine neue, zeitgemäße und faszinierende Weise zu deuten. Ohne in eine Patchworkreligion abzugleiten gibt sie den Schlüssel in die Hand für jene Synopsis der Weltreligionen, Mythen, gnostischen und alchemistischen Denkrichtungen und namentlich für die Verbindung von Psychologie und Religion.

 In diesem Essay sollen drei Sichten des Guten und Bösen angesprochen werden:

  • Die Sicht von jenseitsorientierten monotheistischen und polytheistischen „Religionen“. Die Gnostik nimmt hier mit dem subtilen Ansatz der Demiurgen eine Art Zwischenstellung ein.
  • Die Sicht von der diesseitsorientierten Psychoanalytik von C.G. Jung mit dessen Gottesbegriff (Selbst) auch im Zusammenhang mit weiteren vom Individuum (z.B. im Buddhismus) oder der Natur ausgehenden, pantheistischen Gottesvorstellungen wie z.B. im Taoismus.
  • Die anthropologische oder humanistische Sicht einer eigenverantwortlichen Persönlichkeitsentwicklung als weitere Ergänzung speziell zur christlichen (katholischen) Sicht.

Ausgehend von der Annahme von C.G. Jung, dass wir die Energie der dunklen Seiten in uns produktiv einsetzen können und müssen, ist meine zentrale Frage, wie kann ich dies mit dem humanistische Menschenbild  – edel sei der Mensch hilfreich und gut – und mit dem christlichen Menschenbild – Gut ist nur Gott – vereinbaren. Ging mit dem was, das Christentum „verteufelt“ hat und mit der Verteufelung des Christentum durch Freud, nicht viel Positives verloren?

Seit der Frühzeit in der Geschichte des Menschen finden wir die Vorstellung des „Jenseits“, welches von guten oder bösen Wesen bevölkert ist. Während in polytheistischen Glaubenssystemen und Kulturen die jenseitigen Mächte auch gleichzeitig gut und böse sein können wird in etablierten monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) das Böse eindeutig dem Teufel und das Gute eindeutig Gott zugeodnet auch eindeutig festgelegt, was als Gut und Böse zu gelten hat. Allerdings fragen sich nicht nur Theologen, sondern nahezu jeder Mensch dann Warum lässt Gott das Leid zu? Warum gibt es Kriege, Naturkatastrophen, Hunger, Seuchen, Gewalt in den Familien und in der Gesellschaft? Wenn Gott gut und allmächtig ist warum gibt es dann das Böse?

Das religiöse Weltbild ist grundlegend bestimmt durch die Polarität von Diesseits und Jenseits und dem vom sterblichen Leib und unsterblicher Seele. Im Gegensatz dazu steht das positivistische, seelenlose Weltbild eines (aufgeklärten) Materialismus. Im archaischen Mythen konnte der transzendente sensible Mensch dem Jenseits noch direkt und konkret begegnen, dem Eingang in die Unterwelt dem Feuer im Dornbusch. Fast alles konnte dem Menschen noch Zeichen geben, Sonne Mond und Sterne, Donner und Blitz, Tiere, Pflanzen, Flüsse und Berge. Der Teufel symbolisiert oder besser personifiziert zum Beispiel im Christentum alles was die Gesellschaft als das Böse betrachtet. Luther knüpft an Paulus und Augustin an: Gott ist nur gut, der Mensch ist seiner Natur nach böse (ist aber für seine Schuld verantwortlich, vgl. CA 2), er kann von sich aus nichts zu seinem Heil tun, alles hängt vom Glauben an Christus ab ( solus christus, sola gratia, sola fide, sola scriptura). In dieser Welt bleibt der Mensch simul iustus et peccator. C.G. Jung bemerkt im Protestantismus das Fehlen der von ihm positiv gesehenen Beichte im Vergleich zum katholischen Glauben zum Umgang mit der Sünde aber auch der für Ihn so wichtigen Rituale.

Mit der Zunahme des Wissens wurde diese Welt entzaubert. Dennoch, der Glaube an die Macht des Gestirns hat bis zur heutigen Zeit überlebt. Mit der Ablehnung des Jenseits erst wird das religiöse Weltbild zerbrochen. Der Mensch wird auf sich selbst zurückgeworden und ist „verdammt zur Freiheit“. Mit dem Atheismus und Materialismus wurde das Jenseits und das personifizierte Böse abgeschafft,  bestenfalls als Hypothese erklärt, welches der aufgeklärte Mensch nicht mehr nötig hat.

Die Philosophen haben dieametral unterschiedliche Ansichten welche unser “heute” wesentlich bestimmen. Da ist die Vorstellung von J.J.Roussseau (18. Jarhundert) vom edlen Wilden, die von Karl May bis zu den deutschen Linken gepflegt wird: Der Mensch ist von Natur aus gut, die Gesellschaft lässt ihn böse werden.„Alles ist gut, was aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen.“ Bei T. Hobbes (1588-1679) ist der Mensch ist von Natur aus böse”. Oft ist das Böse in der Philosophe nur ein Irrtum oder ein Erkenntnisproblem  wie z.B. Sokrates.  In der Psychologie bzw. Verhaltensforschung bzw. Hirnforschung  ist bei C.G. Jung das Böse das nicht integrierter „Schatten“, bei A. Adler entsteht das Böse “durch eine Fehlkompensation des Minderwertigkeitsgefühls”, und bei K. Lorenz: Das sogenannte Böse (1963). heisst es: “Die gegenwärtig existierende Spezies Mensch ist nicht mehr als „daslanggesuchte Zwischenglied zwischen dem Tiere und dem wahrhaft humanen Menschen“.Die Anthropologie Freuds erklärt das Böse aufgrund des Triebmodells. Zu dem sogenannten Todes- bzw. Destruktionstrieb kann die vom Menschen durch die Kultur geforderte Triebverdrängung (vor allem des Sexualtriebes) zu von der Gesellschaft als „böse“ erlebten Verhaltensweisen führen. Unerfüllbare Anforderungen der christlichen Moral, insbesondere aus der vom Christentum geforderten Verdrängung der Sexualität führen je nach Veranlagung zu Angst oder Aggression.  Die Zeit nach der Aufklärung führte den drei Kränkungen des Menschen:

  • Kopernikanische Kränkung (Erde/Mensch nicht Zentrum der Welt).
  • Darwinistische Kränkung (Mensch nicht Krone der Schöpfung).
  • Freud (Mensch nicht Herr im eigenen Haus, das Ich vom Unbewussten fremdgesteuert).                                                                                                                                                                                     

Letztlich steht durch letzteres auch der freie Wille in Frage, das Universum erscheint sinnlos, zufällig und chaotisch und Religion ein illusionärer Versuch diese trostlose Realität des Lebens zu verleugnen. Der Teufel ist dann konsequenterweise eine Personifikation des menschlichen Trieblebens, ein Komplex im Unbewussten.  C.G. Jung übernahm das vom Unbewussten gesteuerte Ich, bot aber ein Erlösung (oder Erleuchtung durch die Individuation an.  Diese Seelenlosigkeit und Religionsfeindlichkeit lehnte C.G. Jung vehement ab. Er beschrieb „kollektiven Archetypen“ des Unbewussten im Sinne von oben erwähnten Weltbildern, ihre langlebiger zäher Natur und das sie von kultureller Identität und kulturübergreifend von allen Individuen getragen werden.  Es ist eine Kernaussage und Basis seiner empirischen Forschung, dass Religionen den Menschen beachtliche Lebenshilfe bietet:

  • Opfer (als Handlungsgeschäft mit dem diesseitigen Wesen)
  • Offenbarung (sorgfältige Beobachtung von Zeichen durch Seher oder Propheten und daraus abgeleiteten Handlungsanweisungen)
  • Rituale (als Basis von Magie oder im christlichem Kontext dem Geheimnis des Glaubens).

 Neben den Zeichen bewirken direkte Offenbarungen (Träume und Visionen)  einen direkten Einblick in das Jenseits oder – nach C.G. Jung in das Unbewusste. In der Eucharistie ist der Wandlungsprozess in der Lage, gewöhnliches Brot und gewöhnlichen Wein in den heilbringenden Leib und das erlösende Blut Christi tz verwandeln der sich für den Menschen geopfert hat.

 Schon Platon spricht von einem inneren Zwiespalt in der Seele des Menschen. Einem Pferdegespann, das einen schön und gut himmelwärts strebend, das andere Sitz der Begierden erdwärts ziehend. Das ist auch im Gegensatz zwischen weiblichen (materiellen) und männlichen (geistigen) Prinzip (und etwas neutraler mit Yin und Yang sichtbar. Für Paulus ist dieses untere Pferd, eine autonome Kraft das die Absichten des Hellen durchkreuzt und die niederen Seelenkräfte im Teufel oder in Dämonen personifiziert. 

Diese autonomen Komplexe beschreibt C.G. Jung, aber in seiner Psychoanalytik kann der Mensch wie im Christentum erlöst werden, wie im Buddhismus zur Ganzheit gelangen. Der Zwiespalt in uns zwischen der hellen und dunklen Seite (dem Schatten), der göttlichen und der teuflischen Stimme wird durch die Individuation aufgelöst.

Hat auch Gott vielleicht zwei Seiten, eine gütige und eine grausame Seite der Gott Hiobs?. Wie schon in dem Essay “Das Böse bei Markus” und im Essay “Die Intelligenz des Bösen” beschrieben, ist das ist dieses Gottesbild analog zum Mensch durchaus zwiespältig. Beim genaueren Hinsehen, ging C.G. Jung insbesondere in seinem Buch „Antwort auf Hiob“auf unterschiedliche Gottesbilder insbesondere auf das alttestamentarische/jüdische und gnostische ein. Im Buch von Hiob erschein Gott eben nicht als reine Liebe, und der gnostische Gott Abraxas (siehe Essay) vereinigt Gut und Böse in einer Person. Die Vermengung von Schatten und Anima, die oft im Individuum vorkommt, hat Jung klarsichtig, als Ursache der häufigen Projektion des Bösen oder zumindest des Niederen auf das weibliche in Religionen beschrieben.

Der Mythos vom Engelssturz schildert wie Satan aus dem Himmel gestürzt wurde. Jung verwirft diese Mythen nicht wie Freud, sonder deutet die Mythen und insbesondere die Bibel symbolisch bzw. allegorisch. Nebenbei bemerkt, diese demilitarisierte Zone in der katholischer Lehre zwischen wörtlicher Bibelauslegung und allegorischem Bibelverständnis ist seit den Zelten des Ringens mit den Gnostikern sehr brisant. Der Engelssturz oder der vorangegangene Aufstand gegen Gott ist ein Evolutionsschritt, die Aufteilung zwischen Gut und Böse. Dadurch wird das Ich (vielleicht auch die Persona) heller, der Schatten aber umso dunkler. Die Abendländisch Kultur wurde auf der Vorderseite gerechter (römisches Recht) aber auf der Rückseite dunkler mit den gesamten Kräften die nicht mehr erreicht und kultiviert werden können.  Nach Jung wird ohne Integration des Schattens – aber auch ohne eine Erlösung durch die katholische Mystik, welche er auf eine ähnliche Stufe stellt, die Destruktivität zunehmen. C.G. Jung betrachtet die Entmythologisierung z.B. des Protestantismus aber auch des Materialismus als etwas Barbarisches. Für Jung bilde die Seele die Basis des religiösen Bewusstseins das im Selbst zentriert ist. Als Empiriker und durchaus von Kant beeinflusst, sah er sein Fachgebiet nicht als kompetent an, metaphysische Aussagen zu treffen.                       

Es ist dieser Komplementaritäts- und Integrationsansatz von Jung, der uns Menschen in einer globalisierten, fragmentierten und anti-religiösen Welt helfen kann. Da sich unsere Welt immer schneller verändert und das Gute immer mehr durch das Böse herausgefordert wird, stellt sich für viele Menschen die Frage nach den kulturellen Wurzeln und der religiösen Identität wieder dringender und anhaltender.  Es hilft nicht nur gegen das Böse sondern auch gegen die den Totalitarismus des Guten, das auch das Böse verursacht. Der nüchterne Schluss lautet, es kann in der Welt nicht nur Gutes oder Böses geben aber es gibt einen Unterschied. 

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