C.G.Jung / Dreams

Aktive Imagination zur Fastenzeit


Wir sind in unserem Stadteil sicher nicht eine dieser beinahe klinisch toten katholischen Großstadtgemeinden. Man geht aber – wenn überhaupt – alleine in die Messe und auch wieder alleine hinaus mit gelegentlichen zufälligen Begrüssungen.  Der Pfarrer und seine ehren- und hauptamtlicher Mitarbeiter sind aufgrund wachsender Gemeindegrößen (zwei zusammengelegte Pfarreien – vier Kirchen) gefordert. Die angebotenen Veranstaltungen, insbesondere die Messe in der kleinen Kirche sind mehr als ein Minimum, stillen aber gerade in der Fastenzeit nicht immer den Durst auf Transzenden und Mystik. Ein Tor zum Unbewussten und damit zu Transzenden und Mystik ist  die Aktive Imagination. Nach C.G. Jung ist Aktive Imagination der Königsweg zum Unbewussten.  Nach einer entspannenden, in die innere Stille führenden Meditation öffnet und arbeitet der Einzelne mit Achtsamkeit, Nüchternheit, und Wertschätzung in seiner inneren  Bilderwelt.

Die moderne Forschung der Naturwissenschaften, insbesondere der Physik,  öffnet auch dem kritischen, zweifelnden Geist Erkenntnisse, die denen religiöser Systeme ähneln.  Raum und Zeit sind verbunden. Zusammenhänge sind kausal aber auch akausal vernetzt. Nichts geschieht ohne zeitgleiche Auswirkung im gesamten Universum. Es verbinden sich der alte Grundsätz der alchemistischen und religösen Mystik.

Die Innenwahrnehmung mit den Bildern, die aus dem Unbewussten aufsteigen, ist gerade vor Ostern aus der Klarheit des Fastens bedeutsam für die innere Einkehr. Außen und Innen, Körper ung Geist entsprechen sich. In einem grossartigen Interview beschreibt C. G. Jung, dass beides, die materielle Aussenwelt und die innere Welt eben Fakt ist. Jedes Haus war einmal ein Gedanke.
Das Wissen darum ließ in allen großen Kulturen die Menschen aufbrechen, in ihren Initiationswegen einen Zugang zu suchen zu diesen anderen, dem bewussten Denken nicht zugänglichen Dimensionen. Beim Arbeiten mit der Bibel, spielt neben dem Lesen, die Möglichkeit zur Imagination als einen unmittelbaren Zugang zu den eigenen Bildern und Phantasien eine wichtige Rolle. ”Wenn wir von Imagination sprechen, dann sprechen wir von der Tätigkeit unserer Vorstellungskraft, unserer Einbildungskraft, von Phantasie, von Tagträumen. Auch wenn diese Phänomene untereinander verschieden sein können, betreffen sie alle den Bereich des Imaginativen, (…). Imaginative Fähigkeiten zu haben bedeutet, dass es den Menschen gegeben ist, mehr oder weniger anschaulich, ein Bild zu haben von etwas, das nicht mehr oder noch nicht präsent ist, das vielleicht überhaupt nie präsent sein wird. Diese Vorstellungen können sehr bildhaft sein, mehr von Farben oder Formen bestimmt; sie können sich aber auch durch eine Geruchserinnerung oder einer Geruchsvorwegnahme, durch eine Berührungserinnerung oder Berührungsphantasie oder durch akustische Erinnerungen oder Erwartungen ausdrücken. Sie können auch mehr gedanklicher Art sein.” (V. Kast, Imagination als Raum der Freiheit, Olten 1988). Die jedem Menschen gegebene Möglichkeit zur Imagination in bewusster und aktiver Weise zu gebrauchen und zu entfalten, ist ein Ziel. So wird die Fähigkeit, innere Bilder zu sehen und wahrzunehmen, angeregt, oder Mut gemacht, diese inneren Bilder zuzulassen, da die Fähigkeit zur Imagination das schöpferische Entwickeln und Gestalten von Spielstücken ermöglicht und wesentlich unterstützt. Ein wichtiger Schritt in dem Gebrauch der aktiven Imagination ist die Bewusstmachung und Gestaltung,  der inneren Bilder zu einem biblischen Text wie z.B. Jesu’s Leidensgeschichte zu Ostern.  C. G. Jung ist in seinen  tiefenpsychologischen Forschungen jenseits des bewussten Erlebens genau dieser ganzheitlichen Dimension begegnet. Das Bewusstsein kann sie nicht vollständig erfassen sondern nur partiell erfahren, z.B. in Symbolen, Träumen und Imaginationen.

Eine ihn bewegende Frage, ein rätselhafter Traum, ein Wort der Bibel oder einfach die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit helfen, sich auf die auftauchenden Bilder zu zentrieren und einzulassen. Fühlt man sich von einem Bild oder Geschehen angesprochen, tritt man in seiner Vorstellung aktiv handelnd –  also mit seinem Ich verantwortlich beteiligt – in das Bild ein. Eine Handlung entwickelt sich. Aufgefallen ist mir dies schon beim nur gesamthaften Durchlesen der Bibel in St. Ottilien. Dieser primär “sinnliche” Zugang zum “Gesamtkunstwerk” Evangelium ist mächtig und zumindest gleichwertig zum intellektuellem Interpretieren der einzelnen Bibelstellen.

Aktive Imagination ist also aktives Wach-Träumen ähnlich den Visualisierungstechniken der Meditation keine passive Wahrnehmung in einem tranceartigen Zustand, auch keine Phantasiereise . Dieses  inneren Drama, dessen Gestalter wir sind, enthüllt uns Möglichkeiten, Gegensätzlichkeiten, konfrontiert unser bisheriges Selbstbild mit den Grenzen des bewussten Ichs und der Unendlichkeit der Schöpfung .
Im sich daran unmittelbar anschließenden kreativen Gestalten –  Jung nennt sie eine „phantasia vera“, entsteht eine „wahre Fantasie“, die uns verändern kann, wenn wir uns darauf einlassen. Sie hilft uns, zu uns selbst, zu unserem Lebenssinn in Christus zu finden, zu dem, was wir im Kern schon immer waren, was als Möglichkeit entwickelt und gelebt werden will.

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